Nachhaltig wirtschaften, zukunftsfähig wachsen
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Best Practices aus der Wirtschaft, Energieeffizienz, GREEN CITY

Mit „Green Nudges“ nachhaltiger wirtschaften

Deutsche See arbeitet daran, den CO2-Fußabdruck weiter deutlich zu reduzieren

Die Versuchsküche von Deutsche See in der Bremerhavener Maifischstrasse ist inmitten des traditionsreichen Fischereihafens angesiedelt – von dort im Obergeschoss und von der angrenzenden großen Dachterrasse haben Besucher*innen einen perfekten Ausblick auf das Hafenbecken und die solarbestückten Dächer der Produktionshallen der Fischmanufaktur. Der Energie intensive Lebensmittelhersteller arbeitet schon viele Jahre konsequent an energierelevanten Themen und will unter anderem den eigenen CO2-Fußabdruck weiter deutlich reduzieren. Dabei geht es laut dem Leiter Energiemanagement Timo Mahler auch um viele kleine eigenverantwortliche Sparmaßnahmen, die in ihrer Summe Großes bewirken könnten.

Von den Erträgen leben

Das Unternehmen Deutsche See mit Stammsitz in Bremerhaven bearbeitet das Thema Nachhaltigkeit in der Fischbewirtschaftung bereits seit vielen Jahren und hat dieses nach Aussage seiner Sprecherin Martina Buck zu einer echten Kernkompetenz ausgebaut. Einer der Grundsätze laute „Von den Erträgen leben, nicht von der Substanz“.

Gemeint sind hier nicht nur übergreifend fischereipolitische Engagements, angefangen beim verantwortungsbewussten Fang entlang der Logistikkette vom Transport zur Weiterverarbeitung bis zur Kommissionierung für die Supermärkte (und den Endkunden), sondern auch viele Dinge im Rahmen des Gebäudemanagements mit Investments in moderne Technik. Darüber hinaus zählen laut Timo Mahler als Leiter des Energiemanagements aber auch viele kleine Dinge im Arbeitsalltag, wo das gesamte Team mit energiebewusstem Verhalten mithelfen kann.

Einstieg in die Nachhaltigkeit

In Bremerhaven, dem Produktionsstandort mit drei Manufakturen, wo Fisch und Meeresfrüchte veredelt werden, sind immerhin 890 Mitarbeiter*innen beschäftigt. Mit der Idee der Green Nudges, also den „grünen Anstupsern“ für mehr Energiebewusstsein geht man bei der Deutsche See in eine neue Phase der Nachhaltigkeit.

„Wir haben unseren CO2-Ausstoß seit 2013 bereits um mehr als 40 Prozent reduziert. Bis 2030 wollen wir eine weitere Reduzierung von 40 Prozent erreichen“, erklärt Martina Buck einen wichtigen Teil der Firmenphilosophie. Für dieses Ziel sei bereits investiert und einige herausragende Projektvorhaben umgesetzt worden – in einer weiteren Stufe weitere Einzelmaßnahmen den Verbrauch von Energie, Strom, Wärme und Wasser nochmals deutlich senken.

„Alles kein Hexenwerk, aber nicht nur der Umwelt zuliebe, sondern auch unter dem Diktat der allgemeinen Energiesparmaßnahmen absolut notwendig in einer per se energieintensiven Produktionsbranche“, sagt Timo Mahler. Um in Deutschland jeden Tag viele Tonnen frischer Fischprodukte entwickeln, verarbeiten, durchgehend kühlen und ausliefern zu können, braucht es eben viel Energie.

Mahler: „Den selbst produzierten Strom mittels Photovoltaik (PV) auf dem Dach unseres Bremerhavener Kühlhauses für Fisch, Meeresfrüchte und unserer Feinkost nutzen wir für den Eigenbedarf – insbesondere für die Kühlaggregate unserer Kühlhäuser. Dadurch werden pro Jahr rund 70 Tonnen CO2-Emissionen eingespart.“ „Diese Anlage ist damit eine der ersten industriellen Eigenverbrauchsanlagen in Deutschland, bei der der Solarstrom ausschließlich im Betrieb eingesetzt wird“, fügt Mahler nicht ohne Stolz hinzu.

Eine umfassende Investition, die laut Mahler viel Sinn mache, denn die Anlage produziere genau dann am meisten Strom, wenn er zur Kühlung der frischen Fischprodukte gebraucht wird, nämlich bei Sonnenschein.

Erfolgreich umgesetzt wurden zudem nicht nur in Bremerhaven, sondern auch in verschiedenen Niederlassungen außer der Installation von PV-Anlagen auch moderne Technik zur Wärme‐ und Kälterückgewinnung sowie Blockheizkraftwerke.

Zitat: „Für das langjährige Engagement rund um den Erhalt der Fischbestände erhielt die Deutsche See bereits 2010 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis als ‚Nachhaltigstes Unternehmen‘ in Deutschland.“

Investment erforderlich

Auch beim Klassiker, der Umstellung auf effiziente LED‐ Beleuchtung, wurde dem Bremerhavener Werk eine  Frischzellenkur spendiert. Das neueste Kühlhaus für Roh- und Fertigwaren spart nach Aussage Mahlers aufgrund der professionellen LEDs gegenüber den herkömmlichen  T5-Leuchtstoffröhren rund 40 Prozent an Strom. Insgesamt seien bereits rund 90 Prozent der Beleuchtung im Gesamtunternehmen umgerüstet worden. Da chemieresistente Materialien ohne Glas verwendet werden, können bei Defekten bspw. auch keine Splitter ins Produkt geraten, nennt Mahler einen weiteren Vorteil.

Weitere Investitionen in die Technik am Standort Fischereihafen:

  • Im Technikraum der Manufaktur ist ein Blockheizkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 70 kW zur kombinierten Erzeugung von Strom und Wärme installiert.
  • Die für die Kühlung der Produktions- und Lagerräume notwendige NH3-Kälteanlage verfügt über eine Wärmerückgewinnung, mit der das für die Produktion benötigte Warmwasser aufgeheizt wird. Dadurch werden 560 MWh Wärme pro Jahr zurückgewonnen, die sonst durch Erdgas erzeugt werden müssten. Die notwendige Rückkühlung der Kälteanlage erfolgt durch Wasser aus dem angrenzenden Hafenbecken.
  • Durch die Nutzung des Hafenwassers zur Rückkühlung werden sowohl Frischwasser als auch die erforderlichen Chemikalien zur Wasseraufbereitung eingespart.

Auch das persönliche Engagement ist erforderlich

Klar ist auch, dass es noch viel mehr zu verbessern gibt und dass es die vielen kleinen Dinge sind, die am Ende summiert eine ebenso große Wirkung erzielen können. Timo Mahler spricht das aktuelle Projekt der „Green Nudges“ an, ein Konzept aus der Verhaltensökonomie, das jeden Einzelnen im Unternehmen mitnehmen möchte, „richtige Entscheidungen“ zu treffen in Bezug  auf den effizienten Umgang mit Ressourcen. In einer Pilotphase in Kooperation mit  energiekonsens und weiteren Partnern (gefördert vom Bundesumweltministerium) wurden neben Deutsche See insgesamt acht Unternehmen aus Bremen und Bremerhaven „genudgt“.

„Wir wollen das Engagement unserer Mitarbeiter*innen belohnen und unterstützen Energiespartipps aus der Belegschaft in jeglicher Weise“, sagt Mahler. Das Ganze funktioniere ohne erhobenen Zeigefinger in einer Art spielerischem Wettbewerb. Etwa 80 Personen, so Mahler, sind als sogenannte Multiplikatoren zur Qualitätssicherung eingesetzt. Das Motto laute „Energiesparen geht vor Schnelligkeit“.

Der Elan aller sei aber schon jetzt toll zu erleben. Schulungen des Personals beispielsweise im Tiefkühlbereich dienen darüber hinaus zur Unterstützung. Etwa 3,5 Prozent pro Lagerraum seien so bereits eingespart worden.

Mahlers Beispiele im Betrieb, die aktuell angesagt sind: Kühlraumtüren geschlossen halten, ökonomische Fahrweise mit den Firmenfahrzeugen, nicht benötigte Geräte oder Anlagen ausschalten (mit Hinweis auf dem Computerbildschirm), Licht ausschalten, wenn man als letzter den Raum verlässt, Heizung wenn möglich runterdrehen. Viel Wert werde insgesamt auf das Eigenengagement der Mitarbeiter*innen gelegt, insofern freue man sich auf jeden energieeffizienten Verbesserungsvorschlag.

Um den Wasserverbrauch zu senken wurden beispielsweise in allen Deutsche See-Manufakturen sämtliche Wasserhähne durch moderne, automatische Armaturen ersetzt. Auch beim Thema Mülltrennung werde man die Mitarbeiter*innen weiter sensibilisieren, mit Hinweiskärtchen und mit Humor, so Mahler. Das Ganze soll als Challenge unter den verschiedenen Bereichen des Unternehmens Spaß bringen und zugleich anspornen: „Wie beim Ampelsystem gibt es grüne, gelbe oder rote Signale – wenn letzteres öfters aufleuchtet, ist noch Nachholbedarf“, schmunzelt Mahler.

Mehrweg statt Einweg

Nicht zuletzt besitzt die Deutsche See-Frischfisch-Mehrwegkiste auf ihrem Transportweg so etwas wie Vorbildcharakter. Buck: „Dieses Transportmittel stellen wir unseren Lieferanten und Kunden auf Pfandbasis zur Verfügung.“

Anders als bis heute zur Kühlung noch häufig in der Fischbranche mit Styropor zur Zwischenkühlung hat sich die Deutsche See bereits 2006 dazu entschlossen, ein neues System zu entwickeln. Die wegen ihrer Nachhaltigkeit mehrfach ausgezeichnete Mehrweg-Transportkiste durchläuft im Mehrwegsystem die gesamte Lieferkette für mindestens zehn Jahre und sorgt damit für eine deutliche Reduzierung des eingesetzten Materials. Zugleich habe man die nicht mehr benötigten Styroporballen als Wertstoff an Händler weiterverkauft.

Auf dem Bremerhavener Energie- und Klimastadttag am 11.9.2022, der seit 2020 jährlich am Standort Schaufenster Fischereihafen stattfindet, können interessierte Bürger*innen Klimaschutz zum Anfassen erleben.

Daten & Fakten:

Unternehmensgründung: 1939

Adresse: Deutsche See GmbH, Maifischstraße 3-9, 27572 Bremerhaven

Standort: Unternehmenssitz Bremerhaven mit zwei Fischmanufakturen und einer Feinkost-Manufaktur, bundesweit 19 Niederlassungen

Mitarbeiter: ca. 1.800 (davon 890 in Bremerhaven)

Kunden: ca. 35.000 (Lebensmitteleinzelhandel, Gastronomie, Foodservice)

Produktionsmenge: ca. 75.000 Tonnen Fisch und Meeresfrüchte im Jahr, im Durchschnitt etwa 250 t täglich

Anzahl Produkte: ca. 3.500, gut 150 Produkt-Neueinführungen pro Jahr

 


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