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Festmachen in Bremerhaven
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Dr. Antje Boetius, Quelle: AWI

Dr. Antje Boetius

Quelle: AWI

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Das Traumschiff der Forscher

Bremerhaven hat sich zu einem wichtigen Standort der Wissenschaft in Deutschland entwickelt. Ein wichtiger Leuchtturm ist das Alfred-Wegener Institut (AWI). Im Green Economy Blog berichtet Direktorin Antje Boetius darüber, wie wichtig die Forschung für die Seestadt ist. Und über ein Schiff, das als Botschafter für Bremerhaven weltweit unterwegs ist.

Mein Büro befindet sich im obersten Stockwerk des Institutsgebäudes, direkt an der Doppelschleuse des Alten Hafens. Der Blick geht weit über den Fischereihafen und die Stadt, und in der Ferne sieht man die Kräne der Containerterminals. Wenn ich mein Büro betrete, freue ich mich jedes Mal und bei jedem Wetter über die Aussicht. Man kann mein Büro also ein bisschen vergleichen mit der Brücke eines großen Dampfers. Das ist mir wichtig, denn seit ich Direktorin bin, fahre ich viel weniger zu See als vorher. 

Als Meeresforscherin mag ich den rauen maritimen Charme von Bremerhaven sehr. Vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal mit einem Forschungsschiff einlief, gingen wir abends in eine Kneipe, um unsere Heimkehr zu feiern.

Ich erinnere mich daran, dass sich am Nebentisch Festmacher über ihren Tag unterhielten. Ich fand das sehr sympathisch.

Ich bin Meeresbiologin und seit Ende 2017 wissenschaftliche Direktorin des Instituts, das einer der größten Arbeitgeber in der Stadt ist. Knapp 950 unserer insgesamt 1250 Mitarbeiter sind in Bremerhaven beschäftigt. Unsere Gebäude und der Campus prägen auch das Bild und das Image der Stadt. Und viele Bremerhavener folgen unserer Forschung mit hohem Interesse – das merke ich immer wieder, wenn ich Vorträge in der Stadt oder im Umfeld halte. 

Die Polarstern und Bremerhaven

Es ist schon etwas Besonderes, wenn die „Polarstern“ in ihrem Heimathafen Bremerhaven einläuft. Die Leute in der Stadt sagen: „Das Schiff gehört zu uns“. Zwei weltberühmte Schiffe kommen aus Bremerhaven: Die Kogge, eines der besterhaltenen Schiffe des Mittelalters, das sich im Besitz und der Ausstellung des Deutschen Schifffahrtsmuseum befindet – und eben unsere alte Dame „Polarstern“, ein über 30 Jahre alter Forschungseisbrecher. Im September 1991 war sie zusammen mit dem schwedischen Eisbrecher „Oden“ das erste Schiff mit konventionellem Antrieb, das den Nordpol erreichte. Gerade war die „Polarstern“ von September 2019 bis Oktober 2020 für ein Jahr auf der Nordpol-Driftexpedition MOSAIC in der Arktis eingefroren und dabei das Zuhause von insgesamt über 450 WissenschaftlerInnen und Seeleuten für diese internationale Mission. In der Antarktis wurde ein Tiefseegraben „Polarstern Canyon“ benannt und ein Riff trägt den Namen „Polarstern Knoll“. 

Als sie gebaut wurde, nannte man die „Polarstern“ auch das „Traumschiff der Polarforscher“. Dass das Schiff damals eine tolle Ausstattung für die Forschung bekam, ist der Hartnäckigkeit meiner Vorgänger aber auch eines Politikers aus Bremerhaven zu verdanken. Ich habe mir erzählen lassen, es gab Vorbehalte, es ging um die Kosten. Jahrelang hatte sich wohl der Bremerhavener Bundestagsabgeordnete Horst Grunenberg (SPD) für das Schiff eingesetzt, und nun drohte das Projekt zu scheitern oder kleiner auszufallen, als es ursprünglich geplant war. Grunenberg konfrontierte den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt mit einer Frage:

„Wollen wir einen Marmeladeneimer bauen oder ein herzeigbares Schiff?“ 

Die Frage zeigte Wirkung. Über Nacht verdoppelte sich die Investitionssumme. 110 Millionen D-Mark stellte die Bundesregierung für den Bau des Schiffes bereit, das Werften in Kiel und Rendsburg bauten. Statt eines „Eimers“ lief also ein Schiff vom Stapel, mit dem Deutschland in die internationale Spitze der Forschungsschifffahrt hineinsteuerte. 

118 Meter lang, 25 Meter breit, mit einem maximalen Tiefgang von 11.20 Metern. Ein Eisbrecher mit zwei Außenwänden, der bei Temperaturen bis minus 50 Grad Celsius im Einsatz sein kann. Selbst bei anderthalb Meter dickem Eis schafft das Schiff ein paar Knoten Geschwindigkeit. 53 Forscher finden in den Laboren an Bord ideale Arbeitsbedingungen für ihre wissenschaftliche Arbeit. Auf Expeditionen sind 44 Crewmitglieder auf dem Schiff.

Botschafterin der Stadt

In ihrem Heimathafen, der am Heck steht, ist „die Polarstern“ selten zu Gast, und dies soll auch so sein. Bei den großen Aufgaben der Polarforschung muss das Forschungsschiff draußen sein. Etwa 320 Seetage sind es jährlich im Schnitt; von November bis März ist das Schiff in der Antarktis unterwegs, von April bis Oktober in den nördlichen Polargebieten. Die „Polarstern“ ist eine phantastische Botschafterin für Bremerhaven – und wird noch ein paar Jahre weiterfahren bis ihre Nachfolgerin, die Polarstern II gebaut ist. 

Prof. Dr. Antje Boetius, geboren 1967 in Frankfurt am Main, ist eine Meeresbiologin und Professorin der Universität Bremen sowie Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie. Seit November 2017 leitet sie zudem das Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung mit Sitz in Bremerhaven. Antje Boetius wurde mit zahlreichen Preisen bedacht, u.a. mit dem Deutschen Umweltpreis, dem Leibniz-Ring und dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.


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