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Insektenfabrik als Fleischersatz

Sieht so die Zukunft der menschlichen Ernährung aus?

In der Hochschule Bremerhaven ist der Wurm drin – zumindest was den großen schwarzen Containeraufbau im Gebäude Z angeht. Wer hier hineingeht, sieht die Zukunft der menschlichen Ernährung vor sich: Mehlwürmer, gezüchtet als tierische Proteinquelle und Ersatz für Fleisch als Quelle von Treibhausgasen.

„Es riecht ein wenig gewöhnungsbedürftig“, sagt Professor Rainer Benning beim Öffnen der Tür zum Zuchtraum. Tatsächlich liegt das aber weniger an den Würmern, sondern mehr an der Art des Futters. Es gibt täglich eine Schaufel voll Weizenkleie – ein weiterer Grund für die Nachhaltigkeit des Wurmzucht-Projektes. Landwirtschaft mit Viehzucht braucht viele Ressourcen für die nötigen Futtermittel und damit verbunden auch viel Wasser.

Mehlwürmer – eine ergiebige Eiweißquelle

Rund 25 Grad sind in dem gut 12 Quadratmeter großen Raum. Eine Temperatur, bei der sich die Mehlwürmer offensichtlich wohl fühlen. Die übereinander eingeschobenen Metallschalen in den Rollwagen wimmeln nur so vor Leben. „Wir haben uns für Mehlwürmer entschieden, weil sie relativ anspruchslos sind, aber als Eiweißquelle sehr ergiebig“, erklärt Pascal Krebs, der das Ernährungs-Projekt als wissenschaftlicher Mitarbeiter betreut.

Seit gut fünf Jahren päppeln Rainer Benning und sein Mitarbeiter Mehlwürmer an der Hochschule Bremerhaven auf. Die Eier bekommen sie von Mehlkäfern, die ebenfalls hier gehalten werden. Ein Weibchen legt bis zu 500 Eier. Das Ziel ist aber nicht etwa, den schönsten Wurm des Jahres zu züchten, sondern letztendlich der industrielle Nutzen des Projektes: eine völlig automatisierte Wurmzucht als alternative Eiweißquelle für die Lebensmittelproduktion. Der Weg dahin ist nicht einfach und findet technisch hinter einer Trennwand in der zweiten Hälfte des schwarzen Containers statt.

„Wir müssen die Würmer ja irgendwie aus den Metallschalen bekommen und dachte, das geht über ein Rüttelsieb. Nur leider halten sich die Würmer daran fest“, erzählt Krebs. Die Lösung: Ein sogenannter Windsichter. Hier werden die Würmer zusammen der Weizenkleie aus den Schalen oben in einen aufrecht stehenden Schacht gegeben. „Durch den Windstrom von unten zieht die leichtere Weizenkleie seitlich heraus. Die schwereren Mehlwürmer fallen nach unten durch – fertig“, strahlt Pascal Krebs.

Der gläserne Mehlwurm

Um eine automatisierte Wurmzucht von gleichbleibender Qualität zu gewährleisten, ist aber noch wesentlich notwendig. „Wir haben ein Verfahren entwickelt, mit dem überprüft wird, welcher Wurm für die Weiterverarbeitung in Frage kommt und welcher noch nicht – ohne die Tiere zu verletzen“, erklärt Pascal Krebs. Dafür laufen die Mehlwürmer aus dem Windsichter über ein Fließband. Hier prüfen Infrarot-Sensoren und eine hochauflösende Kamera unter anderem Werte wie den Fett- und Proteingehalt des Wurms, die Größe und anderes.

Einfrieren für die Haltbarkeit

„Wenn ein Wurm noch weiteres Futter braucht, wird er seitlich aussortiert und kommt postwendend zurück in die Schale“, so Professor Benning. „Bei den gesamten Vorgängen und der verwendeten Technik haben wir immer im Blick, dass es sich bei den Mehlwürmern natürlich um Lebewesen handelt.“ Das betrifft auch den weiteren Verwendungsprozess nach der Ermittlung von Fett- und Proteingehalt. „Wir haben festgestellt, dass die Würmer bei langsam sinkenden Temperaturen praktisch einschlafen. Das Einfrieren ist als Methode auch für die Haltbarkeit deshalb am besten“, erklärt Rainer Benning.

Großes Potenzial sehen die beiden Wissenschaftler in dem Projekt vor allem auch wegen der vielfältigen Geschmacksvarianten und Nährstoffe der Würmer. „Je nachdem, was die Würmer für Futter bekommen, verändert sich auch der Geschmack und der Proteingehalt. Das ist für eine industrielle Nutzung des Projektes als natürliche Eiweißquelle ein wichtiger Punkt“, betont Professor Benning. Verschiedene  mittelständische Unternehmen und Landwirte interessieren sich bereits für das Bremerhavener Verfahren und die entwickelte Technik.

Bevor die tiefgefrorenen Mehlwürmer verarbeitet werden können, werden sie geröstet. Auch die Parameter hierfür werden an der Hochschule Bremerhaven getestet, um das bestmögliche Ergebnis zu erhalten. Apropos Ergebnis: Haben die beiden Forscher denn selbst schon mal einen Mehlwurm probiert? „Selbstverständlich“, nicken beide und sind sich einig: „Absolut lecker, schmeckt nussig und ein bisschen wie ein Erdnussflip.“


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