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GREEN CITY, Klimawandel

Warum Bäume die „Klimaanlage“ einer Stadt sind

In diesem Blogbeitrag widmet sich unser Autor dem Bremerhavener Gartenbauamt, das mit neuen Baumarten für mehr Sauerstoff und Kühlung in der City sorgt.

Bäume als natürliche Sauerstoff- und Schattenspender dienen laut Gartenbauamtsleiter Thomas Reinicke aus Bremerhaven quasi als Klimaanlage in den zunehmend zubetonierten Städten. „Bäume nehmen Kohlendioxid aus der Luft auf und geben Sauerstoff ab, sie spenden Schatten, kühlen und befeuchten durch ihre Verdunstung die Luft“, erklärt Reinicke, der zugleich für die Bereiche Neubau und Unterhaltung verantwortlich ist.

Durch die Klimaveränderung werden laut Reinicke leider vermehrt Krankheiten und Schädlinge auf einigen Baumarten auftreten, die die Bäume schwächen und teilweise sogar bis zum Absterben schädigen. „Bereits Trockenheit und enge Standorte, geschädigte Wurzeln und weitere Faktoren sorgen dafür, das diese gestressten Bäume noch anfälliger sind als vitale Bäume“, ergänzt Reinickes Kollegin Liselotte Gundermann,  stellvertretende Abteilungsleiterin für den Neubau.

Bakterien und Pilze als Gefahr

Zur Zuständigkeit des Bremerhavener Gartenbauamtes gehören auch 440 Kastanien. Denen macht laut Reinicke und Gundermann seit längerem das Bakterium Pseudomonas in Kombination mit einem Pilz zu schaffen, oft genug mit tödlichem Ausgang. „Bedroht sind Bäume jeglichen Alters, je jünger umso je schneller sterben die betroffenen Bäume“, sagt Reinicke. Seien zwei Drittel der Krone befallen, laute die Diagnose in aller Regel fällen. Von ehemals 59 Kastanien auf dem Waldemar-Becké-Platz noch vor gut 30 Jahren stehen aktuell nur noch 27, drei von denen sind bereits für den Winter vorgemerkt zum Fällen“, so Reinicke.

Das drastische Bild, das Landschaftsarchitekt:in Reinicke und Gundermann zeichnen, ist kein typisch Bremerhavener Phänomen. Der Grad und die Schnelligkeit der Schädigungen bzw. des Absterbens heimischer Baumsorten im gesamten Bundesgebiet seien erschreckend. Der Anteil der Fichte beispielsweise liege nur noch bei etwa zehn Prozent.

Bäume in der Stadt haben es schwerer

Gerade Bäume in verdichteten Lebensräumen müssen unter besonderer Obhut genommen werden. Gundermann: „Bäume, die nicht in ihrem natürlichen Lebensraum, das heißt nicht in der freien Landschaft/im Wald stehen, sondern in der Stadt, haben einen eingeengten Raum für ihre Wurzeln. Die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen sowie das erforderliche Bodenleben sind somit stark eingeschränkt. Bei zunehmender Hitze und Trockenheit wird dieses Problem noch größer. Jede Mangelversorgung macht Bäume ­– wie alle Lebewesen – anfällig für Krankheiten und Schädlinge.“

Im April 2018 hat die Stadtverordnetenversammlung in der Seestadt  die Anpassungsstrategie an die Folgen des Klimawandels beschlossen. Sie liefert einen konkreten Handlungsrahmen für Politik und Verwaltung zur Anpassung an die Klimaveränderung. Die darauf erfolgten Ergebnisse in der Seestadt können sich bereits jetzt sehen lassen, die Anwohner:innen sind in den meisten Fällen begeistert. Bei der Umgestaltung der Kistnerstraße wurden zum Beispiel beidseitig der Straße entsprechend dem jeweiligen Platzangebot unterschiedliche klimaangepasste neue Baumarten gepflanzt, wie Silberlinden, Zierkirschen, Säuleneichen und ein Amberbaum.

Vorzeige-Projekt Rickmersstraße

Wo die Reise hingeht, demonstrieren Reinicke und Gundermann anschaulich auch in der Rickmersstraße, wo vor gut fünf Jahren beim Umbau der Straße ein grüner Mittelstreifen mit zehn Silberlinden sowie wild blühender Wiese und weitere Bäume beidseitig der Straße geschaffen wurde. Mit dem so neu erprobten Straßenbild sei eine ganz neue Atmosphäre und Aufenthaltsqualität entstanden, freuen sich beide. Ähnlich wurde vor ca. drei Jahren die Borriesstraße umgebaut.

Reinicke: „Gepflanzt werden an der Straße grundsätzlich Bäume mit einem Stammumfang (in 1 m Höhe) von mindestens 20 cm, da man dem leider vorkommenden Vandalismus keinen Vorschub leisten möchte“. Die Kosten pro Baum betrügen etwa 2.500 Euro, etwa ein Drittel davon für den Baum, der Rest für die Herstellung der Pflanzgrube mit Substrat, Baumverankerung, Bewässerungs- und Belüftungseinrichtung, Pflanzung und Pflege für die ersten drei Jahre. Im Rahmen der Begrünungsstrategie Bremerhavens müsse dazu auch mehr Ressourcenplanung kalkuliert werden, hinzu kämen u.a. aufgrund der trockenen Sommer steigende Kosten für die Bewässerung.

Mehr resiliente Bäume nötig

Auf der weiteren To-do-Liste der Neubepflanzungen Thomas Reinickes und Liselotte Gundermanns stehen zu allererst baumfreie Straßen wie z.B. Heinrich-, Eupener-, Luther- und Buchtstraße. „Dabei werden nur klimaangepasste Baumarten gewählt“, erklärt Gundermann. Das könnten beispielsweise Feldahorn, Ulme, Amberbaum oder auch die Sumpfeiche sein – allesamt Bäume, die resistenter sind und die die klassische Eiche oder Eberesche ablösen.

Angesichts zunehmender Extremwetter-Ereignisse mit Starkregen einerseits und Trockenperioden andererseits wünschen sich Reinicke und Gundermann eine Steigerung der Baumanpflanzungen entlang der Straßen und Wege, besonders in den eng bebauten Stadtteilen. Die Aufenthaltsqualität werde für die Bewohner:innen, besonders für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen ( erhöht. Die Bäume entlang der Straßen und Wege reduzieren an heißen Tagen die Temperatur und machen bei extremer Hitze den Aufenthalt draußen möglich.

Erforderlich dafür sei aber ein Zusammenwirken von Stadtplanungsamt, Amt für Straßen- und Brückenbau und Gartenbauamt. Die Kommunikation untereinander klappe recht gut, am Ende des Tages sei es aber der politische Wille, wieviel es der Stadt wert sei.

EXTRA

Sinnvolle Investition in nachhaltige Stadtplanung

Rund 140 Mitarbeiter:innen sind im Bremerhavener Gartenbauamt beschäftigt. Allein für die ständige Pflege des Baumbestandes inklusive Pflege & Co. sind laut Thomas Reinicke in der Woche zwei Kolonnen tätig, um in den Bäumen und den bis zu 25 Meter umfassenden Kronen ans Tageswerk zu gehen. Bei einem Baumbestand von allein rund 67.000 Bäumen für die das Gartenbauamt Bremerhaven zuständig ist eine Daueraufgabe.

„Alle Bäume sind in einem Baumkataster digital erfasst und werden auf ihren Zustand regelmäßig begutachtet“, erklärt Liselotte Gundermann. Der Vitalität wird mit Ziffern von 0 bis 3 benannt.

„Die Ausgaben der Stadt für Baumschutzmaßnahmen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt“, sagt Reinicke und hofft auf zusätzliche Fördermittel seitens des Bundes. So sei zum Beispiel für die Umwandlung von Fichtenwaldflächen zu Laubmischwaldflächen in den Bremerhavener Parks bereits aktuell eine Summe von ca. 80.000 Euro aus dem Programm „Klimaanpassung und Modernisierung in urbanen Räumen – Konzeption zur Förderung von Parks und Grünanlagen“ beantragt worden.

Was darüber hinaus neu angepflanzt wird, ist auch bundesweiten Empfehlungslisten zu entnehmen. Dabei spielen neben wesentlichen Merkmalen wie Verträglichkeit von Trockenheit, Hitze, Streusalz und Abgasen u.a. die Wuchshöhe, Wuchsform, Art der Belaubung, Rinde und Wurzelsystem je nach Standort und Einsatzzweck eine wichtige Rolle für eine gesunde Entwicklung – immer auch angepasst an die besonderen Verhältnisse Bremerhavens.

Nicht zuletzt ist das Baumpflanzen ein wichtiger Teil von nachhaltiger Stadtplanung, mit der sich Bürger:innen identifizieren. „Viel Grün steht für Vitalität und Gesundheit“, lassen sich Reinicke und Gundermann nicht bange machen.

 

 

 


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