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©Kerstin Rolfes
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Lebensmittelforum Bremerhaven zeigt kreative Wege für nachhaltige Ernährung

Weniger is(s)t mehr: Veranstaltung in Bremerhaven zeigte aktuelle Trends in der Ernährungsbranche auf

 „Wer drei vegane Gäste zu versorgen hat, der weiß, wie schnell sich der Lebensmittelmarkt verändert“, brachte Nils Schnorrenberger, Geschäftsführer der BIS-Wirtschaftsförderung, den aktuellen Status der Lebensmittelindustrie in seiner Begrüßung auf den Punkt. Die Ernährungsbranche ist im Umbruch. Pflanzliches Eiweiß als Fleisch- oder Fischersatz, Umwelt- und Klimaschutz, Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen  – beim Lebensmittelforum Bremerhaven haben am Mittwoch, 22. September, rund 100 Experten:innen vor Ort und online aus ganz Deutschland die neuesten Trends und  Perspektiven diskutiert und präsentiert.

Bereits zum 6. Mal war damit das Lebensmittelforum Bremerhaven der Anlaufpunkt für führende Köpfe aus Geschäftsleitungen, von Verbraucherinitiativen, Forschungs-Instituten, Nachhaltigkeitsteams und StartUps. Mit der einzigartigen Mischung aus Kreislaufwirtschaft, regionaler Lebensmittelproduktion und innovativen Ideen vom essbaren Löffel bis zur digitalen Produktinformation war die Veranstaltung erneut zentraler Impulsgeber für die deutsche Lebensmittelbranche.

Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft

„360° Grün. Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensmittelbranche“ – mit dem Veranstaltungstitel als Steilvorlage stieg der bekannte Futurologe Max Thinius in den Kongresstag ein. „Lebensmittel sind der Motor der Zukunft“, so seine Aussage. Neue und andere Jobs, technische Lösungen durch Digitalisierung, nachhaltige Kundenbindung durch Transparenz – diese Faktoren sieht Max Thinius als prägend für die zukünftige Lebensmittelbranche. „Wenn ich im Supermarkt über eine App auf dem Smartphone alle Parameter des Lebensmittels auslesen kann, dann entscheide ich selber über meinen Beitrag zum Umweltschutz und damit zur Nachhaltigkeit“, betonte Thinius.

Zu dieser Transparenz gehört auch eine nachvollziehbare Kreislaufwirtschaft.  Michael Kundt, Geschäftsführer der CSP GmbH und Experte für nachhaltige Wertschöpfungsketten: „Man kann Kreislaufwirtschaft nicht allein machen, sondern braucht dafür eine Kette: Dorf, Stadt, Region, Land.“ Dafür seien dezentrale Strukturen in der Lebensmittelproduktion notwendig, die auch für eine größere Artenvielfalt in der Natur sorgten.

„Gleichzeitig erzeugen wir dadurch weniger Abfall“, erklärte Kundt. „Der Abfall des einen kann der Rohstoff des anderen sein.“ Beispiele dafür seien Aquaponik-Anlagen – die Mischung aus Aquakultur und Pflanzenzucht –  die mit Lebensmittelabfällen betrieben würden. „Die Europäische Union stellt für die Circular Economy 500 Millionen Euro an Förderung in 2022 bereit. Wer sich bewerben will, kann jetzt dabei sein.“

Regionalität und Verpackung

Wie wichtig die möglichst effektive Nutzung von Lebensmitteln und Ressourcen ist, verdeutlichten Linda Böhm und Martin Schüring vom Bremerhavener Technologie Transferzentrum (ttz). „Wir nutzen insgesamt nur 12 verschiedene Nutzpflanzen und 14 verschiedene Nutztiere für 98 Prozent der Welternährung“, erklärten die beiden Lebensmittelexperten.“ Die Folge seien unter anderem Monokulturen, ausgelaugte Böden, Massentierhaltung und weite Lieferwege für Lebensmittel. „Regionalität kann da Abhilfe schaffen und auch für gesunde Lebensmittel sorgen.“ Beispiele dafür seien regionale Betriebe mit eigener Käseherstellung oder ehemalige Schweinemasthöfe, die in den Ställen jetzt Speisepilze züchteten. „Als Substrat dafür dienen unter anderem die feinen Sägeabfälle aus örtlichen Tischlereien. Das ist die perfekte Kreislaufwirtschaft“, betonten Böhm und Schüring.

Während Lena vom Stein, Sustainability Managerin der METRO AG, über neues Verpackungsdesign mit möglichst wenig Plastik und digitale Wasserzeichen auf Verpackungen für optimale Kundeninformation sprach, referierte Berend Erling von Roland Beans über das Potenzial der Ackerbohne als regionales Anbauprodukt und pflanzliche Eiweißquelle in der Lebensmittelproduktion – beispielsweise auch für Fleisch- und Fischersatz. „Der Proteingehalt der Ackerbohne liegt natürlicherweise bei 60 Prozent. Andere Hülsenfrüchte haben gut 30 Prozent“, erklärte Erling.

Immer mehr Unternehmen stellen sich um

Genau hier hakte Naime Schimanski von der Rügenwalder Mühle mit ihrem Vortrag zur fleischlosen Produktstrategie des Wurstwarenherstellers ein. „2014 haben wir erste Schritte zur Fleischwurst aus pflanzlichen Proteinen gemacht. Inzwischen sind 60 Prozent unserer Produkte vegan.“ Die Akzeptanz durch den Verbraucher sei definitiv vorhanden und ein Grund für die Produktumstellung sei der dadurch sinkende CO2-Fußabdruck des Unternehmens. Naime Schimanski: „Ernährung ist der Hebel zur Erreichung der Klimaschutzziele –und den können wir alle bedienen.“

Wie dauerhaft eine solche Firmenphilosophie betrieben werden kann, zeigte Luisa Nikolay, Nachhaltigkeitsmanagerin beim Bremerhavener Tiefkühlkosthersteller Frosta. „Wir haben bereits 2011 den CO2-Fußabdruck für alle unsere Produkte berechnet und auf der Homepage veröffentlicht – um Transparenz für unsere Kunden und ihre Kaufentscheidung zu schaffen.“ Dazu komme das Frosta-Reinheitsgebot für gesunde Produkte ohne Geschmacksverstärker.

Inzwischen könnten durch neue Technik in der Produktion sogar tagesaktuell die Herkunftsländer aller Zutaten auf die Verpackungen gedruckt werden. „Vom Kunststoffbeutel steigen wir jetzt nach und nach komplett auf Papierbeutel für die Tiefkühlgerichte um. Das stellt einen hohen Anspruch an unsere Entwickler für die Haltbarkeit des Materials bei Auftaufeuchte und Fettgehalt – aber wir entlasten die Umwelt dadurch ungemein“, so Luisa Nikoley.

Umwelt und Verbraucher profitieren

Darum geht es auch Amelie Vermeer vom Startup Spoontainable. „Wir wollen alles Plastik ersetzen, das in der Gastronomie oder anderswo als Besteck eingesetzt wird“, erklärte die junge Firmengründerin in ihrem Vortrag. Angefangen hat die Firma mit essbaren Eislöffeln. „Wir verwenden dafür die Schalen von Kakaobohnen, die sonst weggeworfen werden. Die Eislöffel können verzehrt oder bedenkenlos in den Abfall geworfen werden“, so Amelie Vermeer.

Weitere essbare Besteckarten sollen folgen. Auf Nachfrage kann das Unternehmen 600.000 Löffel in vier Stunden produzieren. Möglich ist das durch die Nutzung des Maschinenparks eines bekannten deutschen Tiefkühl-Backwarenherstellers. Inzwischen gibt es zehn Mitarbeiter und das StartUp liefert international in 15 Länder. Amelie Vermeers Botschaft zur nachhaltigen Lebensmittelproduktion: „Löffeln wir uns die Welt schöner!“

Zum Nutzen von Umwelt und Verbraucher etwas zu produzieren – darum geht es auch Nicolas Barthelmé von der Verbraucherinitiative „Du bist hier der Chef“. Die Idee hinter dem Namen: Faire Preise für Lebensmittel und deren Produzenten auf Basis von Online-Verbraucherabstimmungen. „Mit der Milch haben wir angefangen. Wie sollen die Kühe gehalten werden, welches Futter sollen sie bekommen, welche Verpackung die Milch? Transportkosten, nötiger Gewinn durch Molkerei und Bauern – alles ist in die Preisfindung eingeflossen“, erzählt Barthelmé.

Das Ergebnis: 1,45 Euro als fairer Preis für einen Liter Milch. Das Produkt wird angenommen. Unter anderem der Lebensmitteleinzelhändler Rewe und Alnatura haben die faire Milch ins Programm aufgenommen. „Wir haben bereits mehr als eine Million Liter verkauft und wollen zukünftig bundesweit agieren. Die Bereitschaft zur Unterstützung der Bauern ist groß“, betonte Nicolas Barthelmé. Als nächste Projekte sind faire Preise für Eier und Geflügel geplant.

Gegen Verschwendung

Das Lebensmittel nicht zum Wegwerfen sind, hat Alexander Holzknecht von Motato für sich entdeckt. Das Onlineportal vermarktet Waren, die direkt aus dem sogenannten „Overstock“ von Herstellern stammen – Überproduktion, Waren mit Fehlaufdruck, Verpackungsfehler, falscher Inhaltsmenge. „Wir wollen damit das große Wegschmeißen stoppen“, erklärte er auf der Bühne.

Gegründet wurde das Unternehmen 2014 in Skandinavien. Seit 2020 ist Motato auch in Deutschland aktiv. „In nur einem Jahr haben wir 6000 Tonnen an Lebensmitteln gerettet und arbeiten inzwischen bundesweit mit 164 Partnern zusammen“, sagte Alexander Holzknecht. „Wir haben in Deutschland 160.000 Kunden und 600.000 Pakete verschickt. Der Wunsch, die Lebensmittelverschwendung zu stoppen, ist da.“

Bremerhaven kann bundesweit Vorreiter sein

„Wir haben heute an vielen Beispielen gesehen, dass man Ökonomie und Ökologie in der Lebensmittelbranche wunderbar in Einklang bringen kann“, fasste Moderator Fabio Ziemßen, bundesweiter Berater für Lebensmittel StartUps und Vorstand des Verbandes für alternative Proteinquellen am Ende der Veranstaltung zusammen. „Damit wird die Umwelt und das Klima geschützt, soziale Verantwortung übernommen und die Transformation der Lebensmittelindustrie zu einer ressourcenschonenden Beispielbranche vorangebracht. Bremerhaven hat durch die ansässigen Unternehmen und die Infrastruktur der Forschung ideale Voraussetzungen dafür und kann eindeutig ein bundesweiter Vorreiter sein.“

Die Veranstaltung Lebensmittelforum Bremerhaven wurde durch den Europäischen Meeres- und Fischereifonds kofinanziert.


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