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PE-Rezyklate

Abb. Preise von Kunststoffneuware im Vergleich mit PE-Rezyklaten unterschiedlicher Verfärbung

Best Practices aus der Wirtschaft, GREEN CITY, Materialeffizienz

So gut wie neu? Der Einsatz von Rezyklaten auf dem Prüfstand

Nach dem aktuellen Verpackungssetz gilt seit dem 1. Januar 2019 eine Recyclingquote von 58,5 Prozent für Kunststoffverpackungen. Ab 2022 sollen sogar 63 Prozent einer werkstofflichen Verwertung zugeführt werden. Dr. Sven Rausch, Abteilung Forschung und Entwicklung bei der Nehslen AG, erklärt, welche Rolle Rezyklate aus seiner Sicht dabei spielen.Ein Thema, das in der Branche kontrovers diskutiert wird.

Dr. Rausch, was sind Rezyklate und woraus werden sie hergestellt?

Rezyklate sind wiederverwertete Kunststoffe, die zum einen aus industriellem Verschnitt, zum anderen aus sogenannten Post Consumer-Abfällen hergestellt werden. Letztere sind Kunststoffe aller Art aus dem Gelben Sack im Haushalt, die nach Gebrauch entsorgt wurden. Aus Rezyklaten lassen sich neue Produkte herstellen. Was mit Blick auf Ressourcenschonung und den Umweltschutz erst einmal gut und richtig klingt, ist aber kompliziert und funktioniert derzeit leider noch nicht ohne weiteres im vorgegebenen Maßstab und Zeitrahmen.

Welche Gründe hat das ihrer Meinung nach?

Das liegt zum einen daran, dass Kunststoff extrem billig ist. Die Materialkosten von 100.000 PET-Flaschen belaufen sich gerade mal auf 1300 Euro oder 1,3 Cent pro Stück. Deutlich wird seine geringe Wertigkeit auch im Alltag: Während der Sperrmüll vor der Haustür vor der eigentlichen Abholung von Kupferkabeln, Aluminium, Edelstahl und Eisenschrott beraubt wird, bleibt der Kunststoffeimer stehen.

Außerdem haben Hersteller von Kunststoffverpackungen, die verantwortlich für die Rücknahme ihrer Produkte sind, die Möglichkeit, sich über Duale Rücknahmesysteme günstig von ihrer Verantwortung für die Abfallentsorgung beziehungsweise ein werkstoffliches Recycling frei zu kaufen. Somit fehlt aus meiner Sicht bisher der monetäre Anreiz, in der eigenen Produktion mehr Rezyklate einzusetzen. Zum anderen gehen Kunststoffverarbeiter mit dem Einsatz von Rezyklaten immer ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Denn Kunststoffverarbeitung kommt in ihrer Komplexität der Raketentechnik nahe.

Das liegt an der Stärke von Kunststoff am Markt, der durch seine vielseitige Einsetzbarkeit andere Werkstoffe zum Beispiel im Automobilbau, aber auch in vielen anderen industriellen Bereichen immer weiter verdrängt. Mittlerweile gibt es über 250 Kunststoffarten, die verschiedene Eigenschaften in Formbarkeit, Härte, Elastizität, Bruchfestigkeit, Temperatur- und Wärmebeständigkeit aufweisen. Werden sie zusammen recycelt, droht die Gefahr, dass das Produkt Mängel aufweist – etwa zu weich ist oder bricht. Für ein gutes Rezyklat braucht es also ein Inputmaterial mit extrem hohem Reinheitsgrad. Das ist bei der Aufbereitung von industriellem Verschnitt der Fall, bei der Verwertung von Post Consumer-Abfällen aber auf heutigem Niveau nicht gegeben. Diese sind in der Regel zudem durch Lebensmittelrückstände verschmutzt und müssten im Vorfeld aufwändig gesäubert werden, damit es nicht zu Defekten an Kunststoffverarbeitungsmaschinen kommt und die gewünschten Produkteigenschaften erreicht werden. Das zu riskieren, überlegt sich ein Unternehmer natürlich zweimal.

Was braucht es, um Rezyklate gewinnbringend in Industrie und Gewerbe einzusetzen und damit Wertschöpfungsketten bei der Verwertung von Kunststoffabfällen zu schließen?

Ganz klar: Mehr Geld im System, damit die erforderliche aufwendige Sortierung und Wäsche der gebrauchten Kunststoffe auch bezahlt werden kann. Die Technik hierfür ist seit den 90er Jahren verfügbar. Zudem müssen weitere Weichen gestellt werden, um die Diskrepanz zwischen dem Wunsch der Politik und der Realität zu verkleinern. Da wäre zum Beispiel eine Plastiksteuer denkbar, die die Preisdifferenz zwischen Rezyklaten und Neuware vergrößern würde. Gleichzeitig gilt es, ein Exportverbot für Kunststoffabfälle zu erlassen, um zu verhindern, dass das Problem des kostendeckenden Kunststoffrecyclings beziehungsweise der Rezyklat-Gewinnung weiter ins Ausland verlagert wird. Auch strengere Kontrollen sind einzuführen. Heutige Zahlen über erzielte Recyclingquoten sagen nichts aus, wenn wir Kunststoffabfall zur Wiederverwertung in Länder wie Vietnam oder Kambodscha verbringen, aber nicht prüfen, was dort tatsächlich mit dem Kunststoff geschieht. Nicht zuletzt braucht es ein Umdenken bei den Verbrauchern, die – etwa beim Kauf von Waschmittel – bevorzugt auf strahlend weiße Verpackungen zurückgreifen. Ein Produkt aus Rezyklat ist durch das Aufschmelzen chemisch verschiedener Kunststoffe sowie durch thermische Schädigung immer verfärbt und wird aus diesem Grunde in der Regel durch Zusatz von dunkeln Farbstoffen eingefärbt. Wenn wir also verstärkt auf Rezyklat setzen wollen, dann müssen wir uns an gelblich getrübte Flaschen oder schwarze Tuben gewöhnen.

Vielen Dank für das Gespräch!


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