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Best Practices aus der Wirtschaft, GREEN CITY, GREEN ENERGY

Grüne Energie aus Schlamm

Die Zentralkläranlage der Stadt Bremerhaven kümmert sich um sauberes Abwasser und erzeugt außerdem noch grünen Strom

Die Qualität eines Wirtschaftsstandortes hängt vor allem auch von der Qualität der vorhandenen Infrastruktur ab. Gewässerreinheit ist dabei ein Thema, das vor dem Hintergrund der Ressourcenschonung immer wichtiger wird. Mit der Zentralkläranlage (ZKA) verfügt die Stadt Bremerhaven seit 1983 über einen wichtigen Baustein für die gesamte Region, der nicht nur sauberes Wasser, sondern auch noch grünen Strom produziert.

Die Welt von Holger Lührs besteht aus Rohren, Leitungen, unterirdischen Gängen, Handrädern, Druckanzeigen, riesigen runden Betonbecken im grünen Rasen und zwei hoch aufragenden Türmen. Holger Lührs ist Betriebsleiter in der Zentralen Kläranlage und liebt seinen Job – allein schon wegen der beeindruckenden Zahlen. „Wir schleusen hier an Trockenwettertagen rund 25.000 Kubikmeter Abwasser durch. Im Jahr sind das rund 12 Millionen „, sagt er und blickt stolz aus luftiger Höhe über das Klärwerk.

Wenn der 48-Jährige einen der beiden Faultürme erklimmt, sieht er den gegenüberliegenden Fischereihafen und auf der anderen Seite die Weser. „Hier leiten wir das Wasser aus der ZKA ein, nachdem es die verschiedenen Klärstufen durchlaufen hat.“ Die beiden rund 30 Meter hohen Faultürme mit der umlaufenden Plattform am Kopf stehen mit dem Klärschlamm in ihrem Inneren am Ende des Klärprozesses. „Am Anfang ist das Abwasser“, sagt Holger Lührs etwas mystisch und steigt in den Fahrstuhl. Es geht runter auf den Boden der Klärwerks-Tatsachen.

„Unser Abwasser kommt über mehr als 70 Pumpwerke aus der gesamten Stadt Bremerhaven, aus dem Fischereihafen mit seiner Lebensmittelindustrie, aber auch aus dem Umland“, erklärt der Betriebsleiter. „Loxstedt, Langen und ein Teil von Schiffdorf – sie alle schicken ihr Abwasser her.“ Außerdem wird Klärschlamm aus verschiedenen Klärwerken – auch überregional per Lkw hier zur Weiterverarbeitung angeliefert. „Zunächst läuft das Abwasser durch die Rechenanlage. Grobe Feststoffe wie Feuchttücher, Wattestäbchen, Binden und alles, was nicht in die Toilette gehört, wird dort über Stäbe und Kämme herausgefischt“, schildert Lührs.

Dann geht es für das Abwasser weiter in den Sand- und Fettfang. Hier setzt sich der Sand ab. Das Fett schwimmt oben und wird abgeschoben. „Danach kommt das Vorklärbecken“, erklärt Holger Lührs, während er an vier kreisrunden Betonbecken vorbeigeht, in denen sich ein langer Rotor-Arm im Kreis dreht. „Nein, das sind Nachklärbecken“, lacht der Betriebsleiter. Abwasser zu klären ist nicht einfach – und zu erklären erst Recht nicht.

Klärbecken, Vorklärbecken, Biologie, Grob- und Feinrechen, Primärschlamm, Nachklärbecken, Nachklärteiche – bis das geklärte Abwasser letztendlich in die Weser gelangt, ist einiges zu tun. Holger Lührs zeigt auf eine flache, langgestreckte Betonkonstruktion im Rasen. „Da drunter sind in den Becken fleißige Mitarbeiter: Bakterien. In der Biologie werden feinste Schwebstoffe umgewandelt und zersetzt. Hierbei entsteht ebenfalls ein Teil des Schlamms, der in den Faultürmen weiterverarbeitet wird.“ Auch hier sind Bakterien dabei, den Rückstand aus dem Abwasser zu verarbeiten.

„Damit das optimal läuft, brauchen wir eine Temperatur von 36 Grad. Dann fühlen sich die Bakterien in den Faultürmen am wohlsten“, so der Betriebsleiter. Dafür ist natürlich Wärme und Strom notwendig. Tatsächlich erzeugt die ZKA beides selbstständig und ist energietechnisch komplett autark. Holger Lührs erklärt das Phänomen: „In den beiden Faultürmen entsteht Methangas. Das nutzen wir für den Betrieb unserer Blockheizkraftwerke und erzeugen darüber Strom und Abwärme.“ Insgesamt verfügt die ZKA über vier Blockheizkraftwerke. Die Leistung ist beachtlich.

„Wir haben allein im August rund 100.000 Kilowattstunden überschüssigen Strom ins allgemeine Stromnetz eingespeist. Ein normaler Haushalt hat einen Jahresverbrauch von rund 4000 Kilowattstunden. Rund 650.000 Kilowattstunden haben wir im gleichen Monat für den Betrieb der ZKA genutzt“, so Lührs. Dazu gehört auch das eigene Labor, in dem mehrmals täglich die Qualität des Abwassers überprüft wird. Phosphat, Stickstoffdie Grenzwerte der erlaubten Inhaltsstoffe sind durch den Gesetzgeber genau definiert.

„Einer der wichtigsten Werte ist am Ende der CSB-Wert – der chemische Sauerstoffbedarf“, betont Holger Lührs und zeigt über das Grundstück in Richtung zweier Teiche. „Das sind unsere Nachklärteiche. Dahinter kommt die Pumpstation und die Leitung zur Weser – ab hier übernimmt die Natur unser Wasser.“ Denn „chemischer Sauerstoffbedarf“ steht für die Menge an Sauerstoff, die notwendig ist, um die verbliebenen Schwebstoffe aus dem Abwasser der ZKA abzubauen.

„Das geschieht in der Weser auch durch Bakterien. Die Frage ist, wie viel Sauerstoff benötigen diese Bakterien dafür, damit das problemlos über die Bühne geht“, erklärt Holger Lührs beim Ende des Rundgangs durch die ZKA. Das Abwasser wird nur in die Weser eingeleitet, wenn alle Parameter deutlich unter den Grenzwerten liegen – und steht damit für den sorgsamen Umgang mit der Natur in der Seestadt Bremerhaven.

 


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