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„Der richtige Zeitpunkt, mutig zu sein!“

Am 10. Juni wurde die lang erwartete nationale Wasserstoffstrategie beschlossen. Sie sieht vor, den Ausbau der Wasserstofftechnologie mit insgesamt neun Milliarden Euro über Förderprogramme zu unterstützen. Ob und wie die Stadt Bremerhaven profitieren kann und welche Perspektiven sich möglicherweise daraus entwickeln, dazu gibt Claas Schott von der Hochschule Bremerhaven eine Einschätzung. Der Diplom-Ingenieur ist Vorsitzender des Vereins H2BX – „Wasserstoff für die Region Bremerhaven“, der mit dem Windenergienetzwerk WAB den Arbeitskreis Windkraft-Wasserstoff ins Leben rief.

Herr Schott, was halten Sie von der jüngst im Bundeskabinett verabschiedeten nationalen Wasserstoffstrategie?

Sie ist enorm wichtig, denn sie stellt ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zur Wasserstofftechnologie dar. Gesellschaftlich ist diese längst gewollt. Damit sie zur Anwendung kommt, braucht es aber den Rückhalt aus der Politik und entsprechende Rahmenbedingungen. Beides gibt die Strategie vor – zumindest in Ansätzen mit einigen guten Maßnahmen. Was aber auffällt: Vieles ist im Konjunktiv formuliert und bleibt damit vage. So heißt es zum Beispiel im Papier, dass eine Befreiung der Produktion grünen Wasserstoffs von der EEG-Umlage angestrebt sei. Gerade hier brauchen Unternehmen aber eine klare Aussage für mehr Planungssicherheit. Denn diese Entlastung ist ein wesentlicher Schritt dahin, die Erzeugung von grünem Gas wirtschaftlich zu machen.

Mit der Strategie wurde aber eine Handlungsgrundlage geschaffen, die deutlich macht, wo man in einem Zeitraum von 10 Jahren hinwill. Nun müssen schnell Taten folgen. Denn das ebenfalls ausgerufene Ziel, Deutschland zur Nummer 1 bei Wasserstofftechnologien in der Welt zu machen, liegt noch in der Ferne. Das wird deutlich, wenn unser Blick auf andere, auch Nachbarländer fällt. Die Niederlande etwa haben in einigen Bereichen die Nase vor. Da müssen wir hierzulande eine ordentliche Schippe drauflegen.

Welche Rolle kann Bremerhaven dabei spielen – wo steht die Seestadt in Sachen Wasserstofftechnologie?

Bremerhaven ist mit den ersten konkreten Plänen und Projekten gut aufgestellt, um das Thema weiter voranzubringen. Im Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme – kurz IWES – wird beispielsweise auf einem Elektrolyse-Testfeld die Verbindung von Windkraft und Wasserstoff erforscht; an der Hochschule Bremerhaven wird an Anwendungsfeldern für H2 geforscht und es werden neue entwickelt. Natürlich muss man weiter forschen, um Anlagen zu optimieren. Es gilt aber auch, sie im Realen einzusetzen, damit die Menschen sehen, dass die Technik anwendungsbereit ist. Zudem bietet die Seestadt beste Voraussetzungen für die Produktion des zukunftsweisenden Energieträgers. Zum einen, weil wir hier als Vorreiter der Offshore-Windenergie das Know-how haben, Energie aus Wind zu ernten, den man dafür braucht. Zum anderen aber auch durch das neu entstehende Gewerbegebiet „Lune Delta“. Dort soll Wasserstoff perspektivisch in den verschiedensten Bereichen genutzt werden.

Inwieweit kann Bremerhaven von der nationalen Wasserstoffstrategie profitieren und was bedeutet sie für Unternehmen?

Die Strategie fordert und fördert, dass sich neue Industriezweige entwickeln. Wenn diese auf Standortsuche gehen, kann Bremerhaven mit dem „Lune Delta“ als Aushängeschild für „Green Economy“ punkten. Nicht nur die Lage am Meer und die gute Anbindung an das Hinterland wird von Interesse sein, sondern auch der Wissens- und Technologievorsprung, der durch bereits angesiedelte Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Bremerhaven und der Region vorhanden ist. Mit ihnen könnten Neuankömmlinge kooperieren.

Nicht zuletzt öffnen sich aber auch für hiesige Player über die Förderprogramme der Bundesregierung und der Europäischen Union neue Chancen – so zum Beispiel an Innovationen zu arbeiten, für die bislang noch das Geld oder mitunter der Mut fehlte. Denn wenn neue Technologie entwickelt wird, werden Fehler gemacht, aus denen man lernt. Mit staatlicher Unterstützung fällt es leichter, genau das zu wagen. Jetzt ist also der richtige Zeitpunkt für Unternehmen, mutig zu sein!

Welche der 38 in der Strategie beschriebenen Maßnahmen sind besonders interessant bzw. als Ansatzpunkte geeignet für Bremerhaven?

Da wären einige zu erwähnen, eine möchte ich aber als Perspektive hervorheben. Neben dem bereits erwähnten Bereich Forschung und Entwicklung, in dem sich die Seestadt schon gut positioniert hat, sollten wir auch den internationalen Handel mit Wasserstoff und der Technologie nicht aus dem Auge verlieren. Denn obwohl das grüne Gas anfangs hier in Deutschland wohl überwiegend für den heimischen Markt produziert wird, werden wir die Technologie und entsprechende Anlagen – hoffentlich „Made in Bremerhaven“ – langfristig in die Welt transportieren wollen. Bremerhaven hat dafür einen optimal ausgebauten Hafen und kann bei größer werdendem Bedarf in Deutschland die Infrastruktur an die dann notwendigen Wasserstofftransporte anpassen, entsprechend aufbauen und vorhalten. Mit einem Fokus darauf können wir eine gewichtige Rolle im Export der Technik und im Import des Energieträgers spielen und die nationale Bedeutung unseres Hafens stärken. Was daran aber deutlich wird: Die deutsche Wasserstoffstrategie lässt sich nur gemeinsam umsetzen – in Zusammenarbeit von Städten und Bundesländern. Das funktioniert bereits, so zum Beispiel im Rahmen eines Netzwerks der norddeutschen Wasserstoffwirtschaft.

Was muss jetzt in der Seestadt angegangen werden?

Wie gesagt, wir müssen aus der Forschung in die konkrete Umsetzung beziehungsweise Anwendung kommen. Die einfachsten Beispiele findet man in der Mobilität, aber auch die Versorgung öffentlicher Gebäude mit Strom und Wärme sind kurzfristige Anwendungsmöglichkeiten. Die Politik hat sich erst vor kurzem deutlich für die Anschaffung von Wasserstoff-Bussen ausgesprochen. Nun muss das Thema der Produktion stärker in den Fokus gerückt werden. Da gibt es noch deutlichen Klärungsbedarf, etwa dazu, wo man als Klimastadt Bremerhaven hinwill. Wie für Photovoltaik und Windenergie ist die Technik für Wasserstoffproduktion in den vergangenen fünf Jahren deutlich günstiger geworden. Zudem lassen sich betriebswirtschaftlich schwarze Zahlen schreiben, wenn wir den aus erneuerbaren Energien erzeugten Überschuss an Strom endlich sinnvoll nutzen – nämlich für die Herstellung von grünem Wasserstoff, anstatt den Überschussstrom teuer ans Ausland abzugeben. Dazu muss aber, wie bereits erwähnt, dringend etwas bei den Belastungen durch Steuern und Umlagen auf erneuerbaren Strom passieren. Natürlich lassen sich nicht von heute auf morgen große Mengen Wasserstoff für die industrielle Nutzung vermarkten. Doch ist der Anfang der Nutzung in den verschiedensten Bereichen zum Beispiel durch die Kommune erst gemacht, wird sich der Bedarf steigern. Sowohl die Technologie als auch ihr Wirkungsgrad in der Herstellung und der Nutzung – das zeigt uns das Beispiel der erneuerbaren Energien – werden stetig besser. Ich kann jedem Unternehmen deshalb nur empfehlen, sich frühzeitig über die Energieversorgung mittels Wasserstofftechnologie in allen Sektoren zu informieren.

Wie kann die Wirtschaftsförderung dabei unterstützen?

Aus dem Netzwerk H2BX heraus wurden und sollen auch zukünftig weitere Projekte zum Thema der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie initiiert werden. Hier sollte frühzeitig über Fördermöglichkeiten und Rahmenbedingungen informiert und bei einer Antragsstellung unterstützt werden. Die Wirtschaftsförderung hat aber selbstverständlich weitere wichtige Aufgaben: Zum Beispiel diejenigen, die für Innovationen im Bereich Wasserstofftechnologie stehen, dafür zu gewinnen, sich hier anzusiedeln. Darüber hinaus gilt es, diese möglichen Unternehmen miteinander und mit Mitgliedern des Netzwerkes H2BX zu vernetzen, um weitere Kooperationen zu ermöglichen. Das bedeutet auch, deutliche Zeichen zu setzen und den Standort im Inland wie europaweit in der Thematik bekannter zu machen. Hier kann Bremerhaven aus meiner Sicht ruhig selbstbewusst und mit gutem Gewissen hervorheben, wie gut die Seestadt bereits im Thema ist. Das erhöht die Chance, besondere Projektfördermittel für Unternehmen einzuwerben. Nicht zuletzt aber ein kleiner Wink ans Land Bremen: Die Wirtschaftsförderung muss auch so ausgestattet sein, dass sie unterstützen kann!

Wo sehen Sie Bremerhaven kurz-, mittel- und langfristig?

Bis 2023 – der ersten Phase der nationalen Wasserstoffstrategie – werden bei uns die ersten Pkw und Busse mit umweltfreundlicher Brennstoffzellen-Technologie unterwegs und erste Energieversorgungssysteme für private Haushalte installiert sein. Elektrolyseanlagen produzieren Wasserstoff dann im Megawatt-Bereich. Mittelfristig wird die Technologie Einzug im Bereich der Logistik halten. Dann werden erste Wasserstoff-Lkw und -Gabelstapler in Bremerhaven eingesetzt. Langfristig, davon bin ich überzeugt, können wir größere Bedarfe in diversen Anwendungsfeldern abdecken und industrielle Produktionsstätten wirtschaftlich mit grünem Wasserstoff versorgen. Die Technik dafür ist da – sie muss nun nur Stück für Stück Anwendung finden, um Bremerhaven noch stärker als Klimastadt zu präsentieren

Vielen Dank für das Gespräch!


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