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Fischforscher gefragt für Fangquote

Bremerhavener Wissenschaftler des Thünen-Instituts forschen zum Wohle der Fischbestände

Immer, wenn die Walter-Herwig III aus dem Bremerhavener Fischereihafen ausläuft, geht es um die Forschung. In ganz besonderen Fällen aber fährt das Schiff des Thünen-Institutes raus auf den Atlantik, um Daten zu sammeln, die über die Zukunft des Meeres bestimmen. Die Bremerhavener Wissenschaftler tragen mit ihren Ergebnissen wesentlich zur jährlichen EU-Fangquote bei und damit zur Sicherung der Fischbestände.

Karl-Michael Werner sitzt vor seinem Computer im Thünen-Institut für Seefischerei und Fischereiökologie im Fischereihafen. Der Fischereibiologe ist von der Meeres-Expedition zurück. Nun geht es an die Auswertung der Daten. Der Bildschirm erinnert an ein Videospiel. Grüne Flächen, rote Kreise mit Zahlen darin, gelbe Abgrenzungen, schwarze Linien laufen kreuz und quer. Karl-Michael Werner lacht und zieht die Details etwas größer. „Das sieht auf den ersten Blick etwas verwirrend aus – ist aber nordöstliche Atlantik“, erklärt der 30-Jährige Doktorand. „Hier sehen wir die grönländische Küste. Den Zustand der verschiedenen Fischbestände haben wir durch die unterschiedlichen Farben markiert.“

Die Walter-Herwig III fährt mehrmals im Jahr raus auf See. Mit ihren 63 Metern Länge ist sie das größte deutsche Fischereiforschungsschiff. Auf einigen der Fahrten werden auch die Daten für die Ermittlung der EU-Fangquote ermittelt. Per Netzfang finden die Wissenschaftler heraus, welche Fischart in welcher Menge an welche Position vorhanden ist. Anhand verschiedener Parameter wird dann hochgerechnet, wie viele Fische gefangen werden dürfen, ohne den Bestand zu gefährden. Sechs bis sieben Wochen dauert die Reise nach Grönland inklusive Fischfang und Analyse. Die Walter-Herwig III ist aber auch in der Nordsee und der Deutschen Bucht unterwegs.

„Der Fang läuft vom Netz über ein Fließband. Hier steht pro Fischart ein Kollege, der die entsprechenden Fische in einen Behälter aussortiert“, erklärt Karl-Michael Werner. Die Forscher zählen die Anzahl, messen die Größe und wiegen jeden Fisch. Aufschluss über das Alter erhalten die Wissenschaftler auch durch die sogenannten Gehörsteine. „Sie stammen aus dem akustischen Organ von Fischen und bilden Jahresringe– so wie Bäume in ihren Stämmen. Dadurch können wir das Alter eines Fisches sehr genau bestimmen“, erklärt Karl Michael Werner.

Kabeljau, Heringe, Steinbutt, Flundern, Makrelen –die Vielfalt der Fische für Ermittlung der EU-Fangquote ist groß. Die Ergebnisse aller Fangfahrten werden ausgewertet und hochgerechnet. Ist der aktuelle Fischbestand festgestellt und die Zahl der geschlechtsreifen Tiere, kann damit auch die Vorhersage für die wahrscheinliche Vermehrungsrate getroffen werden. Nordsee-Anrainerstaaten wie England, Holland oder Dänemark machen dasselbe mit ihren Schiffen und geben ihre Ergebnisse ebenso an den Internationalen Rat für Meeresforschung, wo Experten die Fangempfehlung berechnen.

„Im laufenden Jahr 2020 gab es aufgrund der ermittelten Daten starke Veränderungen bei den Fangquoten für die Nordsee und den Nordost-Atlantik“, erzählt Karl-Michael Werner. „Beim Kabeljau zum Beispiel wurde die Fangmenge um die Hälfte reduziert. Für Deutschland bedeutet das 1600 Tonnen Kabeljau weniger als im Vorjahr.“ Auch beim Seelachs dürfe weniger gefangen werden: 15 Prozent. Die Herings- und Makrelenbestände hingegen seien stabil. „Beim Hering ist die Quote im Vergleich zu 2019 gleich und für die Makrele wurde sie tatsächlich um 41 Prozent erhöht“, so Werner. Für Deutschland sind das 23.400 Tonnen an Makrele.

Eine Prognose, wie sich die Fischbestände in der Nordsee und im Nordost-Atlantik zukünftig entwickeln, lässt sich laut Thünen-Institut schwer machen. „Welchen Einfluss hat die Fischerei auf das Meer, wie sind die natürlichen Umstände, wie vermehren sich die Fische – da spielt einiges rein“, sagt Fischereibiologe Werner. Außerdem gäbe es inzwischen noch einen weiteren Faktor, der lässt sich überhaupt nicht einschätzen lasse: die Meereserwärmung.

Karl-Michael Werner: „Durch den Klimawandel wandern manche Fischarten schneller in neue Meeresgebiete ein als wir es erfassen können. Wenn die Fischerei in einem Jahr bestimmte Fisch-Standorte für den Fang hat, kann das im nächsten Jahr komplett anders sein. Unsere Expeditionen und die daraus ermittelten Daten für die jährliche Fangquote sind deshalb sehr wichtig. Dadurch schützen wir das Meer und die Fische – damit wir diesen wichtigen Lebensraum auch in Zukunft haben und wirtschaftlich nutzen können.“

 


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