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Festmachen in Bremerhaven
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Klimastadt mit Wasserstoff und Rad

Wie sieht die Zukunft der Klimastadt Bremerhaven aus?

Windenergie, Polar- und Meeresforschung, Klimahaus, Naturschutz – alle diese Institutionen und Begriffe sind Teil des Titels „Klimastadt Bremerhaven“. Seit gut zehn Jahren arbeiten viele Beteiligte beständig daran, diese Idee immer wieder mit Leben zu füllen. Doch wie sieht die Zukunft der Klimastadt Bremerhaven aus und welche aktuellen Themen bewegen die Menschen dazu?  Mit einer gut besuchten Diskussion im Klimahaus hat die Arbeitnehmerkammer Bremen am Montag, 25. November, nach Antworten auf diese Fragen gesucht.

Eine Einleitung konnte Moderator Ralf Lorenzen sich sparen. Das Bremerhavener Gitarren-Duo Raum/27 stimmte die gut 100 Besucher mit Liedermacher-Pop auf die Veranstaltung ein. Dass es nicht nur großes Interesse, sondern auch viele Meinungen zum Thema Klimastadt gibt, zeigte das gut besetzte Podium von der Politik über den Wasserstoff-Verein bis zum Wissenschaftler.

Nach der Eröffnungsrede der Bremer Senatorin für Wissenschaft und Häfen, Dr. Claudia Schilling, zur Entwicklung der Stadt zu einem Standort für die Wasserstoff-Produktion, ging das Mikrofon an die neue Bremerhavener Umweltstadträtin Dr. Susanne Gatti. Die Fragestellung des Moderators: Die Green Economy-Initiative der Stadt Bremerhaven und die Entwicklung des passenden Gewerbegebietes auf der Luneplate.

„Das ist ein ganz hervorragender Ansatz für die Wirtschaft und ein Leuchtturmprojekt für Bremerhaven. Wir brauchen für eine Klimastadt und eine Green Economy aber noch wesentlich mehr: nämlich eine gute Stadt- und Verkehrsplanung“, betonte Susanne Gatti. Ein Beispiel dafür sei der Weserradweg. „Die Leute finden in die Stadt rein, aber nicht wieder raus“, so Gatti. Auch die generelle Radwege-Situation müsse deutlich verbessert werden.

Für den Bremerhavener Stadtverordneten vom Verein H2BX für Wasserstoff als Energiequelle, Michael Labetzke (Grüne), ist die Zukunft der Klimastadt Bremerhaven eng mit Technologie zur Produktion von „Grünem Wasserstoff“ verbunden. Als Grünen Wasserstoff bezeichnet man Wasserstoff, der Co2-neutral unter Verwendung von emissionsneutralem Strom wie der Windkraft hergestellt wird.

„Das Thema Wasserstoff und Brennstoffzelle ist die Zukunftstechnologie in Deutschland. Von daher ist es ein bedeutender Schritt für die Klimastadt Bremerhaven, dass das Fraunhofer Institut IWES auf dem ehemaligen Flugplatz Luneort an der Co2-neutralen Wasserstoffgewinnung forschten wird“, so Labetzke. Das Land Bremen und die Europäische Union haben für die Entwicklung einer entsprechenden Pilot-Anlage 20 Millionen Euro an EFRE-Fördermitteln bereitgestellt. Das Projekt läuft zunächst über zwei Jahre.

Unabhängig davon wird von der BIS Wirtschaftsförderung die Entwicklung des Green Economy Gewerbegebietes auf der Luneplate vorangetrieben. Dort sollen Unternehmen angesiedelt werden, die besonders nachhaltig wirtschaften und Pilotprojekte im Bereich der Umwelttechnik entwickeln. Das Konzept für die Erschließung des Gewerbegebietes „Lune Delta“ ist bereits von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) mit dem höchstmöglichen Vorzertifikat  „Platin“ ausgezeichnet worden.

„Zur Green Economy gehört aber mehr als nur nachhaltige Energie für ein Gewerbegebiet. Wir wollen und werden die Wirtschaft in Bremerhaven dabei unterstützten, insgesamt nachhaltig zu wirtschaften, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und vorhandene Jobs zu sichern“, erklärte Annette Schimmel, verantwortlich für den Green Economy Blog der BIS Wirtschaftsförderung. „Nachdem die Windindustrie hier am Standort durch politische Fehler auf Bundeseben ins Schwanken gebracht wurde, sind die Arbeitslosenzahlen zum Glück nicht angestiegen – sollen aber durch nachhaltige Wirtschafts-Entwicklung in Bremerhaven noch weiter sinken.“  Das sei generell möglich in den Bereichen Klimawandel, Klimaschutz, Ressourcen-Einsparung und im ganzen Feld der Umwelttechnologie.

Aus Sicht von Till Scherzinger, Leiter des Bremerhavener Klimastadtbüros, sind es vor allem die eigenen Maßnahmen, die zur Co2-Reduzierung und damit auch zur Klimastadt Bremerhaven beitragen. „Wir müssen den Verbrauch von fossilen Brennstoffen senken und da kann jeder selbst am meisten tun. Dafür müssen wir unsere Wärme- und Elektrizitätsversorgung ändern“, so Scherzinger. Dazu gehöre auch die Wahl des richtigen Energieanbieters oder die Versorgung mit Fernwärme. „Daraus können sich höhere Kosten ergeben, aber das sind die Stellschrauben, an denen wir erheblich Co2 einsparen können.“

Ziel des Klimaplans in Bremerhaven ist laut Beschluss der Stadtverordnetenversammlung aus dem Jahr 2010 den CO2-Ausstoß in der Seestadt um 40 Prozent zu senken. „Das wäre auch möglich gewesen“, so die Einschätzung von Till Scherzinger. „Noch 1996 hat jeder Bremerhavener etwa 10 Tonnen fossiles Co2 produziert und wir stehen jetzt etwa bei acht Tonnen pro Kopf. Zum Erreichen des 40 Prozent-Ziels hätte der Verbrauch bis 2020 auf sechs Tonnen sinken müssen.“

Dass die Klimastadt Bremerhaven auch ganz anders aussehen könnte, brachte Martin Schüring vom Technologie Transfer Zentrum Bremerhaven (ttz) in die Diskussion ein. „Ich sehe Bremerhaven als visionäre Zukunftsstadt, als Kreislaufstadt und als Wissenschaftsstadt der Vielfalt. Das muss mit einem Bildungsnetzwerk zwischen Schulen und Hochschulen anfangen und auch im Stadtbild erkennbar sein. Warum begrünen wir nicht Fassaden mit Algen und machen sie einzigartig?“, fragte Schüring. Die Algen seien durch LEDs sogar beleuchtbar und man könne sie als Werbung nutzen – beispielsweise für die Sail 2020. Zu betreiben sei so etwas CO2-neutral mit einem Algenreaktor und Biomüll. „In Hamburg gibt es das schon. Das wären mal echte Leuchtturmprojekte – auch für die Attraktivität der Stadt und den Zuzug von Arbeits- und Fachkräften“, so Schüring.

Das Fazit des Abends zogen Dr. Marion Salot und Dr. Dominik Santner von der Arbeitnehmerkammer Bremen als Veranstalter. „Die Klimastadt Bremerhaven besteht auch zukünftig offenbar aus vielen Facetten. Dazu gehören unter anderem die Mobilität, nachhaltige und attraktive Wohnquartiere, Jobs und Ausbildung für junge Menschen.“ Beim Stichwort Wirtschaftsentwicklung dürfe Bremerhaven beim Wasserstoff nicht den Fehler aus der Windkraft wiederholen und sich monothematisch auf einen Bereich konzentrieren, sondern die nachhaltige Wirtschaft und auch den Studienstandort insgesamt voranbringen.

„Die Vielfalt macht die nachhaltige Entwicklung der Stadt aus“, so Marion Salot und Dominik Santner. Da sei noch einiges zu tun. Oder wie es Umweltstadträtin Susanne Gatti stellvertretend auch für das Publikum zusammenfasste: „Und das können wir nur gemeinsam schaffen: Die Politik mit den Bürgern und die Bürger mit der Politik – nicht jeder gegen jeden an, sondern alle zusammen.“


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