Nachhaltig wirtschaften, zukunftsfähig wachsen
Festmachen in Bremerhaven
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Best Practices aus der Wirtschaft, Erneuerbare Energien, Klimaschutz

Nachhaltige Hafenökonomie der „neuen Wege“

Interview mit Uwe von Bargen, Nachhaltigkeitsdirektor bei der Hafenmanagement-Gesellschaft bremenports

Konferenz im SailCity Büro in Bremerhaven, Vortrag mit Stakeholdern im Bundesministerium für Verkehr in Berlin,  Preisverleihung in Bremen u.s.w. Die Terminliste von Uwe von Bargen ist eng getaktet in diesen Tagen. Der Ingenieur setzt sich aktuell dafür ein, die Klimabilanz der bremischen Häfen weiter zu verbessern. Auf lange Sicht sei das eine Überlebensfrage im Wettbewerb der Häfen, meint der Nachhaltigkeitsdirektor des Hafenunternehmens. Dabei ist sein Arbeitgeber einer der Vorreiter, der bereits vor zehn Jahren vom Reden ins Handeln gekommen ist, wie von Bargen im Interview erklärt.

Die Hafenmanagement-Gesellschaft hat 2009 auf diese und andere Herausforderungen reagiert und eine „greenports“-Nachhaltigkeits-Initiative für den Hafenstandort entwickelt. Bis 2024 soll die CO2-neutrale Hafeninfrastruktur erreicht werden – eine klimaneutrale CO2-Bilanz hat die Managementgesellschaft bremenports bereits 2014 für die eigenen Aufgabenbereiche erreicht, auch durch Zukauf von Umweltzertifikaten.

Wie geht Wachstum und nachhaltiges Wirtschaften zusammen?
Wir müssen die Transformation hinbekommen, soviel ist mal sicher. Ansonsten wird der Markt die nicht zeitgemäßen Häfen aussortieren. Dabei geht es schon lange nicht mehr allein um Umweltschutz in den Häfen sondern viel universaler um viele ökonomische, soziale und ökologische Bausteine, die alle Beteiligten in der Transport- und Wertschöpfungskette – Terminalbetreiber, Zulieferer, Reeder & Co. – in den Prozess der Erneuerung mit einbeziehen.

Die breite öffentliche Wahrnehmung  von Greta Thunberg als Stimme der jungen Generation im Kampf um mehr Klimaschutz hat den Druck zum Handeln richtigerweise deutlich erhöht.

Gleichzeitig sind wir als Exportnation gut beraten, mit Augenmaß und über wettbewerbsfähige Neuentwicklungen beispielsweise bei Schiffsantrieben umwelttechnische Lösungen voranzutreiben. Die Umstellung auf erneuerbare Energien in überschaubaren Zeitzyklen steht ohne Zweifel ganz oben an.

Wie sieht das konkret am Standort Bremerhaven aus?
Im Land Bremen gibt es zum Glück für die „greenports-Strategie“ eine breite Unterstützung.  2008 haben die bremischen Häfen mit mehr als 50 Häfen weltweit die „World Ports Climate Initiative“ gegründet, die auf eine CO2-Reduzierung in der gesamten Transportkette abzielt. Viele Häfen setzen hier zusammen ein deutlich sichtbares Zeichen.

Damals wurden wir als bremenports mancherorts noch belächelt, heute zählen wir angesichts der allgegenwärtigen Klimadebatten und der Tatsache, dass es schon beinahe „5 nach 12“ ist, zu den Vorreitern einer etablierten Initiative.

Die Marschrichtung, angefangen im jeweiligen lokalen Standort ist dabei eine wichtige Basis, um den weiteren fundamentalen Wandel in der Wirtschaft innovativ und zielführend zu begleiten. Ein Beispiel: Wir haben das erste Binnenschiff mit LNG-Antrieb, also verflüssigtem Erdgas, gebaut.

Was bedeutet Environmental Ship Index (ESI)?
Dahinter steckt die Idee, dass wir über die Hafeninfrastruktur und darüber hinaus auch die Verkehre berücksichtigen. Gemeinsam mit der „World Ports Climate Initiative“ (WPCI) wollen wir die Transportketten aktiv beeinflussen und zugleich umweltgerechtes Verhalten belohnen. Das funktioniert bezüglich der Schifffahrt über ein Punktesystem.

Der ESI ist ein internationaler Standard, der von den Häfen der Nordwestrange für die WPCI entwickelt wurde. Der ESI setzt sich aus Teilbewertungen in Punkten für die Emissionen von Stickoxiden, Schwefeloxiden und Kohlendioxid zusammen und gewährt weitere Punkte sofern das Schiff über einen Landstromanschluss verfügt. Die ESI-Punktzahl bewegt sich zwischen 0 und 100, wobei 0 den Grenzwerten der International Maritime Organisation (IMO) entspricht. Werte über 0 übertreffen damit die geltenden rechtlichen Vorgaben.

Allein im letzten halben Jahr ist der Anteil der Schiffe, die einen ESI-Wert erhalten haben, um knapp sieben Prozent angestiegen. Seit 01. Oktober 2019 sind es weltweit 7916 Schiffe, die mit weniger Emissionen und damit umweltfreundlicher fahren, als es die Grenzwerte der IMO vorgeben. Angesichts der Brisanz der Klimathematik ist es dringend erforderlich, dass sich diese Entwicklung weiter beschleunigt. Das Ziel auch seitens der IMO ist die Null-Emissions-Schifffahrt.

Welche ESI-Bilanz haben die bremischen Häfen?
Während 2012 nur jeder zehnte Schiffsanlauf in den bremischen Häfen Bremen und Bremerhaven einen ESI-Wert vorwies, waren es 2018 schon 40 Prozent aller Schiffsanläufe.

Trotzdem laufen noch zuviele Schiffsantriebe mit Schweröl –  diese Antriebe sind aber ab 2020 tabu – es sei denn, es werden Filtersysteme eingebaut. Um hier noch mehr ins Handeln zu kommen, brauchen wir einen internationalen Konsens, dass die Preise von fossilen Brennstoffen langfristig auch die gesellschaftlichen Kosten (u.a. Umwelt- und Gesundheitskosten) beinhalten müssen. Zu den Alternativen zählen aktuell LNG, aber mittel- und langfristig auch Brennstoffzellen und E-Fuels wie synthetisches (Flüssig-) Gas sowie Methanol.

Bereits 2012 haben wir den mit anderen Hafenstandorten entwickelten ESI genutzt, um in unseren Häfen den Einsatz emissionsarmer Schiffe zu belohnen.

Der Einsatz der Reeder ist umso mehr herauszustellen, da die durchschnittliche Nutzungsdauer von Schiffen etwa 25 Jahre beträgt und diese – auch wegen der hohen Kosten – nicht so oft erneuert werden. Außerdem ist jeder saubere Brennstoff zudem in der Herstellung aufwendiger und daher teurer. Fossiles Flüssigerdgas ist hier ein Zwischenschritt, hin zu nicht fossilen Brennstoffen (Synthetisches Flüssiggas, Methanol, Wasserstoff, o.Ä.).

Sie haben den „greenports Award“ mit ins Leben gerufen?
Seit 2014 gibt es den von uns verliehenen jährlichen „greenports Award“. Dieses Jahr hat ihn die norwegische Reederei UECC für einen Autotransporter erhalten. Die ausgezeichnete „Auto Energy“ als „umweltfreundlichstes Schiff“ setzt auf  LNG-Antrieb. Mit einem durchschnittlichen ESI-Wert von 60,8 Punkten steht der Autotransporter auf Platz 1 vor seinem Schwesterschiff „Auto Eco“ mit 58,1 Punkten (s. hierzu auch ein Video)

Ausgezeichnet wurde außerdem die Terntank Reederei aus Dänemark, die über die sauberste Flotte verfügt, die in 2018 die bremischen Häfen angelaufen hat. Seit 2016 fahren mehrere Schiffe der Flotte mit LNG-Antrieb.

Die Emissionen der Schifffahrt sind aber nicht das einzige Problem?
Nicht überall lassen sich wirtschaftliches Handeln und gesellschaftliche Interessen eins zu eins ohne Konflikte realisieren – oftmals sind Kompensationsmaßnahmen unumgänglich.

Und ja: Die Terminalfläche für den Containerumschlag beträgt in Bremerhaven rund drei Quadratkilometer, die zuvor Natur waren. Die Ausbaustufe III des Container-Terminals, für die ich 1991 nach Bremerhaven gekommen bin, war solch ein Eingriff in wertvolle Naturareale in der Wesermündung, direkt benachbart zum Nationalpark Wattenmeer und heutigem Weltnaturerbegebiet.

Für verschiedene Hafenentwicklungen hat Bremen mit Unterstützung von Niedersachsen aber u.a. an der Luneplate große zusammenhängende Kompensationsflächen geschaffen, die die verlorengegangenen Naturfunktionen wirksam ersetzen.

Heute halten wir deutlich mehr als 30 Prozent der Gesamthafenfläche als grüne Infrastruktur vor. Dort tragen wir Sorge, dass die Natur zu ihrem Recht kommt. Wenn sich Wirtschaft um Natur kümmert, ist das ein gutes Signal, auch an die Bevölkerung. Denn auf der einen Seite liefern wir Arbeitsplätze und Möglichkeiten zur Wertschöpfung und auf der anderen Seite geben wir der Natur und Gesellschaft das zurück, was wir dafür zuvor in Anspruch nehmen mussten.

„Die Entwicklung des Naturschutz-Großprojektes Luneplate in Bremerhaven ist ein tolles Beispiel für nachhaltige maritime Wirtschaft und ein wertvolles Stück ‚grüne Identität‘.“

Sind Sie mit dem bislang Erreichten zufrieden?
Seit 2012 werden jährlich Nachhaltigkeitsberichte herausgegeben, die nach dem internationalen Standard der Global Reporting Initiative (GRI) erarbeitet und extern überprüft werden. Sie belegen die Fortschritte im Nachhaltigkeitsmanagement (z.B.: Beiträge zum Klimaschutz, zum Schutz der Biodiversität, Reduzierung von Baggerungen, Luftschadstoff- und Lärmemissionen). Seit 2013 haben wir das CO2-neutrale Management realisiert, das heißt wir haben die CO2-Emissionen , die nach Ausschöpfung aller Effizienzsteigerungsmaßnahmen und Umstellung auf erneuerbare Energieträger unvermeidbar waren, durch den nachträglichen Erwerb von Klimazertifikaten aus dem Dorumer Moor kompensiert.  Für weitere Reduzierungen ist aber entscheidend, dass jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin  motiviert werden, ihre Potenziale zu nutzen und in die Organisation bzw. die Performance des Hafenstandortes einzubringen.

Mittlerweile haben sich die bremischen Häfen als nachhaltiger Hafenstandort unter der geschützten Marke „greenports“ etablieren können und genießen weltweite Anerkennung.

 

Zur Person: Nachhaltigkeitsmanager Uwe von Bargen
Der Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanager Uwe von Bargen (56) ist studierter Landschaftspfleger. Seit 1989 ist der gebürtige Osnabrücker für die Freie Hansestadt Bremen und seit 1991 für bremenports  an der Entwicklung der bremischen Häfen beteiligt.

2001 übernahm der Ingenieur für die Häfen in Bremen und Bremerhaven die Koordination der Umweltangelegenheiten und war gleichzeitig Bereichsleiter für Genehmigungs- und Umweltplanung. 2008 wechselte er als Direktor für Umweltangelegenheiten in eine Stabsfunktion bei der Geschäftsleitung, um die Nachhaltigkeitsstrategie für die bremischen Häfen unter der Marke greenports zu entwickeln. Seit August 2015 steht er in der Funktion als Direktor für Umwelt- und Nachhaltigkeitsangelegenheiten und hat dabei für die Einführung der Betriebseinheiten für Nachhaltigkeits-, Energie- und Umweltmanagement gesorgt. (Foto: bremenports)

 

 


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