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Best Practices aus der Wirtschaft, Klimawandel, Naturschutz

Die Zukunft und den Schutz des Meeres im Blick

Plastikmüll, Überfischung, Zerstörung von Lebensraum– über den Schutz der Weltmeere wird viel geredet. Wer wirklich etwas dafür tut, ist das Thünen-Institut in Bremerhaven. Die Forschungseinrichtung des Bundes trägt maßgeblich dazu bei, den aktuellen Zustand des Meeres zu erfassen und arbeitet zudem an der Zukunft der Aquakultur. Das Ziel: die natürlichen Ressourcen zu schützen und zu schonen.

Das Gebäude am Fischereihafen 1 sieht mit seiner silbergrauen Metallverkleidung futuristisch aus und genauso ist es innen. Der gut 40 Millionen Euro teure Neubau des Thünen-Instituts wurde erst im Sommer 2018 eröffnet und arbeitet mit hochmoderner Ausrüstung. Beim Gang den Flur hinunter fällt der Blick durch eine geöffnete Bürotür auf Computerbildschirme mit roten, grünen und blauen Flächen. Sie werden links und rechts von weißen Aussparungen begrenzt. „Tatsächlich sehen wir hier die Nordsee“, erklärt ein Mitarbeiter am Schirm. „Die weißen Flächen sind Großbritannien und Norwegen. Die Farben dazwischen stehen für verschiedene Messwerte im Wasser.“

Das Thünen-Institut ist so etwas wie das deutsche Sondereinsatzkommando zum Schutz der Meere. Hier sind das Institut für Fischereiökologie und das Institut für Seefischerei mit ihren rund 150 Mitarbeitern unter einem Dach vereint. „Wir haben verschiedene Projekte, mit denen wir die Auswirkungen der Fischerei auf die Umwelt erforschen“, sagt Dr. Gerd Kraus bescheiden. Er leitet das Institut für Seefischerei und hat im übertragenen Sinn ganz im Gegenteil „einen dicken Fisch an Land gezogen“.

Sein Institut erforscht aktuell im großen Rahmen die Folgen der Berufsfischerei für den Meeresboden in der Nordsee. Dafür arbeiten die Wissenschaftler mit den deutschen Krabbenfischern zusammen. „Vor der Küste von Sylt haben wir ein Gebiet festgelegt, in dem ein Kutter sein Netz hinter sich über den Boden herzieht. Das sind auch übliche Fangweisen in der großen Fischerei“, erklärt Gerd Kraus. Der Unterschied: Die großen Fangschiffe verwenden bis zu fünf Tonnen schwere Gewichte an den Netzen, damit sie für den Fang Unterwasser offen bleiben.

„Wenn diese Lasten über den Meeresboden gezogen werden, wird dort einiges zerstört. Das Experiment mit dem Krabbenkutter wird uns beispielhaft und zunächst im kleinen Modellrahmen zeigen, ob und wie schnell ein solches Gebiet wieder mit Leben besiedelt wird“, erklärt Gerd Kraus. Die Kontrollaufnahmen in dem Gebiet vor Sylt werden während der Fangfahrt des Kutters und in den Zeitabschnitten danach mit einem speziellen Tauchroboter gemacht. Das selbstständig fahrende Gerät hat das Thünen-Institut extra neu angeschafft. Die Kosten: fünf Millionen Euro.

Aber auch der Anteil von Mikroplastik in Speisefischen gehört zu den Forschungsfeldern des Thünen Instituts. „Dafür fahren wir mit unseren Forschungsschiffen raus und machen Testfänge für die Untersuchungen hier im Institut“, sagt Gerd Kraus. Zur Flotte gehört auch die Walter-Herwig III – mit mehr als 60 Metern Länge das größte deutsche Fischereiforschungsschiff. Insgesamt hat das Institut drei Schiffe. Die Einsatzgebiete sind in der Nord- und Ostsee, aber auch im Atlantik. Mit ihren Vergleichsfängen und Einschätzungen liefern die Wissenschaftler des Thünen Instituts unter anderem die Grundlage für die Festsetzung der europäischen Fischfangquoten.

Mit ganz anderen Fragen beschäftigen sich Dr. Reinhold Hanel und seine Mitarbeiter im Institut für Fischereiökologie unter demselben Dach. Hier stehen unter anderem große Aquakulturanlagen. Pro Jahr laufen rund 90 Millionen Liter Wasser durch die 400 und Aquarien, damit die Fische sich wohl fühlen. Die Forschungen sollen dazu beitragen, die Aquakultur in Deutschland biologisch zu verbessern und damit die ökologischen Ressourcen des Meeres zu schonen.

„Hier sehen wir zum Beispiel Regenbogenforellen“, zeigt Reinhold Hanel in ein kreisrundes graues Becken. Die Fische stehen so wie in der Natur im Schwarm zusammen in der künstlichen Strömung. Mit dem Experiment wollen die Forscher die Sicherheit in Aquakultur-Anlagen und damit das Wohlergehen von Zuchtfischen entscheidend verbessern. Die besten Helfer hierfür: die Fische selbst.

„Wenn in Aquakulturen durch technische Probleme die Strömung nachlässt oder ganz ausfällt, wird das oft nicht bemerkt – auf Kosten der Fische. Wir wollen das ändern“, sagt Hanel. Dafür wurden ein paar der Forellen mit einem Mikrochip versehen. Er meldet die Position der Fische an ein Computersystem. Lässt die Strömung nach, lösen die Forellen – wie in der Natur – ihren Schwarm auf.

„Das machen wir uns zunutze. Passiert das in der Aquakultur, soll zukünftig über den Mikrochip sofort eine Meldung an den Computer gegeben werden“, so Hanel. Das System registriert durch die veränderte Fischposition, dass sich der Schwarm wegen mangelnder Strömung auflöst und gibt Alarm. Die nachlassende Pumpen- und Sauerstoffleistung kann rechtzeitig repariert werden, bevor die Fische zu Schaden kommen.

Selbst die Auswirkungen von Klimaerwärmung und Jahreszeiten auf Fische werden im Thünen Institut erforscht. Reinhold Hanel steht vor einer dicken Metalltür. Auch die Wände sind von außen silbermetallig verkleidet: Die hochsensiblen Klimakammern des Instituts. „Die Räume sind so gut isoliert, dass die Temperaturabweichung allerhöchstens 0,1 Grad beträgt. Darüber können wir exakt gleichbleibende Temperaturen für dementsprechend aussagekräftige Versuche schaffen“, erklärt der Institutsleiter.

Gerade schlummern in den blauen Kunststoff-Becken ein paar 50 Zentimeter lange Flussbarsche. „Das Wasser ist auf gut vier Grad herunter gekühlt. Das ist wie im Winter“, so Hanel. Die Wassertemperatur wird in den nächsten Wochen ganz behutsam auf 15 Grad angehoben. „Das ist dann wie im Frühjahr. Wir wollen sehen, wie sich die Temperatur in verschiedenen Stadien auf die Vermehrung der Fische auswirkt“, erklärt Reinhold Hanel. Dazu gehört auch die Frage, inwiefern die Klimaerwärmung darauf einen Einfluss hat.

Das Wohl der Natur steht ganz oben auf der Agenda des Bremerhavener Thünen Instituts. Die Forscher suchen nach Lösungen für eine gesunde Balance zwischen Ökologie und Wirtschaft. Egal, ob sie mit ihren Schiffen rausfahren, die Sicherheit für Aquakulturen erhöhen oder die Folgen des Klimawandels untersuchen – es geht um die Zukunft des Meeres und der Fische und damit auch der Menschen.

 


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