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Festmachen in Bremerhaven
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Alfred Schumm vom WWF

Für den Biologen und Umweltschutztechniker Alfred Schumm vom WWF ist das satellitenbasierte Tracking von Fischereibooten für den Naturschutz, was die Erfindung der Dampfmaschine für die industrielle Revolution war.

 

Digitalisierung, Naturschutz, Neues aus Forschung, Bildung, Wissenschaft

Ein Quantensprung im Kampf gegen illegale Fischerei

WWF entwickelt Monitoringprogramm zur Beobachtung der weltweiten Fischerei

Die Ausbeutung der Meere geht uns alle an. Dass beim Fischfang international einiges falsch läuft, darauf weisen nicht nur Forschungsergebnisse des frisch in Bremerhaven angesiedelten von Thünen Instituts für Seefischerei hin. Direktor Dr. Gerd Kraus warnt allerdings vor Panikmache: „Nachhaltige Fischerei und Schutz der Meere sind über gute, wissenschaftlich fundierte Managementkonzepte miteinander vereinbar.“ Kraus bezeichnet eine ausschließliche Fokussierung auf die kommerzielle Ausbeutung der Fischbestände als wenig zielführend. Sie dürfe nicht den Blick auf die langfristigen Bedrohungen der Meere wie die Auswirkungen des Klimawandels oder die Müllbelastung verstellen.

Ein großer Schritt zur Eindämmung illegaler Fischerei ist indes dem World Wildlife Fund WWF gelungen. Gemeinsam mit dem Münchner Technologie-Unternehmen navama hat die Umweltstiftung ein Monitoringprogramm entwickelt, das es ermöglicht, mittels Satellitentechnik die weltweite Fischerei zu beobachten. Der Biologe Alfred Schumm, Initiator des neuen Programms und Direktor für Innovation, Wissenschaft und Technologien für den Naturschutz beim WWF Deutschland, erläutert im Interview, warum wir von der Erfindung profitieren.

Schiffspositionen online zu verfolgen, ist nicht neu – Schiffsmakler, Agenten und Reedereien tun das täglich. Was ist das Besondere an der neuen Entwicklung?

Schumm: Das Anti-Kollisionssystem „Automatic Identification System“ – AIS – wird weltweit auf See genutzt und liefert via Satellit Daten zur Identifizierung des Schiffes. Name, Größe, Position, aber auch die Geschwindigkeit, werden übertragen. AIS ist seit Ende 2000 verbindlicher Standard in der internationalen Seeschifffahrt. Fast jedes größere Schiff ist heute aus Sicherheitsgründen mit der Technik ausgerüstet. AIS wurde aber bislang noch nicht dazu genutzt, mehr über die globale Fischerei zu erfahren.

Welche Informationen generiert der WWF mit dem Monitoringprogramm?

Schumm: Wir können jetzt mit den Daten des Satelliten die zurückgelegte Route eines Fischerbootes nachvollziehen. So lässt sich feststellen, wann es wo war und wie schnell das Schiff war. Aus diesen Daten ergibt sich ein Bewegungsmuster, das uns Hinweise liefert, ob Fischer sich an national und international bestehende Regeln halten.

Wie sieht so ein Bewegungsmuster aus?

 Schumm: Wenn ein Schiff mit mehr als zehn Knoten geradlinig fährt, dann durchquert es ein Meeresgebiet. Wenn es aber plötzlich langsamer fährt und im Zickzack, dann ist das ein Hinweis darauf, dass der Trawler ein Netz hinter sich herzieht und fängt. Fährt es sehr langsam, handelt es sich vielleicht sogar um ein Bodenschleppnetz. Auch der Thunfischfang ergibt ein ganz bestimmtes Bewegungsmuster. Auffällig sind solche Schiffsbewegungen in Schutzgebieten, in Gebieten, in denen bestimmte Fischereimethoden verboten sind, oder zu Schonzeiten. Das Ausbleiben des Signals ist ebenso auffällig wie Schiffe, die sich auf See treffen. Ein sogenanntes Transshipment kann dazu dienen, die Herkunft des Fangs zu verschleiern, weil die Fischer Quoten überschritten oder ohne Lizenz gefischt haben. Ob das so ist, müssen die für das Fischereimanagement zuständigen Stellen klären. Der WWF hat jedoch ein sehr großes Interesse, dass die Bewegungsmuster sichtbar sind, denn nur dann kann gutes Management erfolgen.

Was kann der WWF gegen illegale Fischerei tun?

Schumm: Das neue Instrument ist für den Naturschutz, was die Erfindung der Dampfmaschine für die industrielle Revolution war! Bislang konnte die Hochseefischerei weitgehend unbeobachtet auf See schalten und walten wie sie wollte. Damit ist nun Schluss. Erstmals können wir Transparenz schaffen, Fragen stellen. Die Satellitendaten bieten eine wichtige Grundlage, um Verbraucher zu informieren, an Politik und Verwaltungen heranzutreten – und nicht zuletzt die Fischindustrie selbst zu nachhaltigen Fischereimethoden zu bewegen.

Zum Thema: Illegale Fischerei und Überfischung

Der WWF setzt sich dafür ein, das AIS-System auch für kleinere, kommerziell tätige Fischereischiffe verbindlich einzuführen. Ziel ist die satellitenunterstützte Rückverfolgung aller Fang-Flotten sowie aller Transport- und Verarbeitungs-Schiffe, die Häfen anlaufen und Fisch anlanden. Für den Kauf von Wildfisch rät der WWF den Verbrauchern auf transparenten Fang und nach wie vor, auf das MSC Siegel zu achten, auch wenn dieses inzwischen gravierende Schwächen aufweist die dringend behoben werden müssen. MSC steht für Marine Stewardship Council. Nur wenn die Überfischung der Bestände weltweit gestoppt wird, können wir unseren größten Proteinspeicher für die Weltbevölkerung dauerhaft nutzen. Gemeinsam mit dem Unilever-Konzern, Wissenschaftlern sowie Praktikern aus Fischerei und Fischhandel entwickelte der WWF 1999 das MSC-Siegel und die Zertifizierung für Fischereien.

Inzwischen ist aus dem MSC eine eigene Organisation geworden, die sich aus Fördermitteln und Lizenzgebühren für eben dieses Siegel finanziert. Die Zertifizierung basiert auf folgenden Kriterien: Erhalt der Bestände, die Schonung der Ökosysteme und ein nachhaltiges Fischereimanagement. Das zweite wichtige Siegel zur Verbraucherorientierung ist das Siegel des Aquaculture Stewardship Council (ASC) und wird ebenfalls vom WWF unterstützt. Es zertifiziert nachhaltige Aquakulturen, weil auch die kommerzielle Zucht zu Problemen führen und Gewässer mit Chemikalien oder Antibiotika verunreinigen kann. Ein Einkaufsratgeber zum Thema Fisch bietet der WWF unter www.wwf.de zum Download an. Weitere aktuelle Informationen zum Thema finden sich gut verständlich aufbereitet unter www.thuenen.de

Zur Person:

Der Biologe und Umweltschutztechniker Alfred Schumm war 7 Jahre Leiter des Fachbereiches Meere und Küsten der Umweltstiftung WWF-Deutschland. Anschließend hat er von 2010 bis 2017 das internationale Fischereiprogramm des WWF geleitet. Heute ist Alfred Schumm dafür zuständig, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Neuerungen für den Umweltschutz anwendbar zu machen.

 

 


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